Kommen die Zombies?

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Spricht man von den Folgen der Coronakrise, könnte der Eindruck entstehen, man befände sich mitten in einem Gruselkabinett. Denn nicht nur das altbekannte Schreckgespenst der Deutschen, das „Inflations-Monster“, ist kurzfristig zurückgekehrt, auch von Zombie-Unternehmen ist die Rede.

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland rund 16.000 Unternehmensinsolvenzen gemeldet. Im Vergleich zu 2019 entsprach das einem Rückgang von 15,5 Prozent. Dass es im Krisenjahr zu einem Rückgang anstelle eines Anstiegs an Firmenpleiten kam, liegt an den starken fiskalpolitischen Unterstützungsmaßnahmen, die Deutschland auf den Weg gebracht hat, um bedrohte Unternehmen zu schützen. Sonderzahlungen, Kurzarbeit, aber vor allem das Aussetzen der Insolvenzmeldepflicht ab März 2020 trugen dazu bei, dass die Zahl der Unternehmensinsolvenzen auf dem niedrigsten Niveau seit 1993 lag. Die ursprüngliche Regelung zur Aussetzung der Insolvenzmeldepflicht galt bis zum 30. September 2020 für überschuldete und zahlungsunfähige Unternehmen, vorausgesetzt, die Liquiditätsengpässe waren den Folgen der Krise zuzuschreiben. Das Programm wurde zunächst bis zum Ende des Jahres 2020 verlängert, allerdings waren nur noch überschuldete, nicht aber zahlungsunfähige Unternehmen von der Antragspflicht befreit.

Zwischen Januar und Mai durften jene Unternehmen die Insolvenzmeldepflicht aussetzen, die einen Antrag auf finanzielle Unterstützung gestellt, diese aber noch nicht erhalten hatten. Seit dem 1. Mai gibt es keine Ausnahmeregelungen mehr, Unternehmen müssen Zahlungsunfähigkeiten wieder fristgerecht melden. Vor diesem Zeitpunkt fürchteten sich Politiker und Ökonomen: löst sich nun der Rückstau an verschleppten Insolvenzen? Kommen die Zombies? Besonders in den Bereichen Handel und Dienstleistungen ist die Gefahr tatsächlich groß. Laut einer ZEW-Studie gab es in den ersten Monaten der Pandemie hier den stärksten Rückgang an gemeldeten Insolvenzen; vor allem in sogenannten „Mikrounternehmen“.

Unternehmensinsolvenzen pro Wirtschaftsbereich

Quelle: Creditreform; Destatis; ING Economic & Financial Analysis

Aber nicht nur in bestimmten Wirtschaftsbereichen ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass einige Unternehmen „zombifiziert“ wurden. Auch die Unternehmensgröße spielt eine Rolle. So waren besonders bei Unternehmen mit geringer Mitarbeiterzahl zunächst starke Rückgänge in den gemeldeten Insolvenzen zu beobachten, während die Anzeigen zum Ende des Jahres wieder stiegen.

Ähnliches geht auch aus der aktuellen Financial Stability Review der EZB hervor. Zombie-Unternehmen seien im Schnitt, bezogen auf die Gesamtaktiva, 20 Prozent kleiner als der Durchschnitt. Kleinstunternehmen würden fünfmal häufiger zu Zombie-Unternehmen als große Firmen. Des Weiteren tragen diese Unternehmen weniger zur Beschäftigung bei als der Durchschnitt.

Das Institut der deutschen Wirtschaft schätzte die Anzahl an Zombie-Unternehmen zuletzt auf 4.500. In Relation zur gesamten deutschen Unternehmenslandschaft von rund 3,6 Millionen mag das zunächst wenig erscheinen, vor dem Hintergrund eines bereits geschwächten Arbeitsmarktes würde die „Zombifizierung“ der deutschen Unternehmen aber dennoch zusätzlichen Druck auf die wirtschaftliche Erholung ausüben. Da Unternehmen im Dienstleistungssektor nicht nur am stärksten von der Krise getroffen wurden, sondern dadurch auch am stärksten auf die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen angewiesen sind, muss sichergestellt werden, dass andere Programme, wie die Kurzarbeit, solange weitergeführt werden, bis auch der Dienstleistungssektor wieder an Fahrt aufnehmen konnte. Insofern ist es zu begrüßen, dass der erleichterte Zugang zur Kurzarbeit für betroffene Unternehmen bis Ende September verlängert werden soll.

Dass mit dem Einsetzen der wirtschaftlichen Erholung und dem Auslaufen der politischen Unterstützungsmaßnahmen ein paar Untote geweckt werden, halten wir für unvermeidlich. Insolvenz-Niveaus wie während der Finanz- oder der Staatsschuldenkrise werden aber wahrscheinlich nicht erreicht werden. Der Einfluss auf die wirtschaftliche Erholung dürfte sich außerdem so lange in Grenzen halten, wie der Arbeitsmarkt von staatlicher Unterstützung profitiert. Die Schreckgespenster, die wir zuletzt wiedergetroffen haben, wirken auf den ersten Blick einschüchternd – zu fürchten brauchen wir uns dank starker fiskal- und geldpolitischer Unterstützung aber aktuell nicht.

Autor: Franziska Biehl