Viel Geld, viel Ehr?

Chart of the Week

Ab heute rollt wieder der Ball, trotz aller Diskussionen um den Sinngehalt eines großen Fußballturniers in Zeiten einer Pandemie. Manch ein Fan hat seinen Boykott bereits angekündigt – dennoch werden die Stadien wohl im Rahmen der verringerten Kapazitäten gefüllt sein und auch die Einschaltquoten werden stimmen.

Auch wir werden genau hinschauen. Als Ökonomen interessiert uns natürlich wie immer das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag, sprich: Liefern die teuersten Spieler auch die besten Leistungen ab? Der Stand vor dem Turnier lässt vermuten, dass das jedenfalls ungefähr zutrifft. Unser Chart der Woche zeigt die EM-Teilnehmer mit ihrem Bruttoinlandsprodukt, dem Transfermarktwert ihres EM-Kaders und dem jeweiligen Punktestand in der Rangliste des Fußball-Weltverbands FIFA. Dabei lässt sich zumindest grob eine Korrelation zwischen den Datenreihen erkennen.

Je größer das Land, desto größer üblicherweise nicht nur die Wirtschaft (und damit die Beträge, die z. B. durch Sponsoring und TV-Vermarktung in die heimische Liga fließen und dort für Gehälter und Ablösesummen zur Verfügung stehen), sondern auch die Chance, dass sich viele talentierte Kicker in der eigenen Bevölkerung finden. Jedoch klaffen für manche kleineren Länder die Größe der Wirtschaft und der Marktwert des Teams deutlich auseinander – kein Wunder, denn die Stars dieser Nationalmannschaften spielen in den meisten Fällen nicht in der heimischen Liga, sondern dort, wo es viel Geld zu verdienen gibt (und wo für sie auch dementsprechende Ablösesummen gezahlt werden).

EM-Teilnehmerländer mit BIP, Marktwert des Teams und Weltranglisten-Punktestand

Quelle: Eurostat, IMF, ONS, transfermarkt.de, FIFA, ING Economic & Financial Analysis

In der heimischen Liga spielen allerdings die meisten Spieler des englischen Teams – und weil in der Premier League traditionell viel Geld fließt, sind hier auch die Transfermarktwerte entsprechend hoch, so dass die Engländer in unserer „Geldrangliste“ den ersten Platz belegen. So mancher Fan eines klammen Clubs hat sicher schon einmal gehofft, dass für einen der eigenen Spieler ein utopisches Transferangebot aus England eingehen und den Verein finanziell sanieren möge. Aber auch die tatsächliche Weltranglistenposition bei der FIFA hängt diesem Spitzenplatz nur geringfügig hinterher: Hinter Belgien, dem amtierenden Weltmeister Frankreich und Brasilien reihen sich die „Three Lions“ auf Platz vier ein, gefolgt vom EM-Titelverteidiger Portugal.

Deutschland hat nicht nur die größte Wirtschaft Europas, sondern auch den größten Fußballverband der Welt zu bieten. Doch diese breite Talentbasis hat in jüngerer Vergangenheit meist nicht mehr zu absoluten Spitzenleistungen im Weltfußball geführt. Der Weltmeister von 2014 belegt in der FIFA-Rangliste nur Platz zwölf, was Platz acht unter den EM-Teilnehmern entspricht. Vom drittteuersten Team des Wettbewerbs erhoffen sich trotzdem viele Fans den Titel – wir drücken die Daumen.

Autor: Sebastian Franke