Wie sehr wollen Sie den Pokal?

Chart of the Week

Der Wert einer Sache bemisst sich bekanntermaßen daran, welchen Nutzen sie uns persönlich stiftet. Somit kann ein Gut, eine Dienstleistung oder aber auch der Gewinn der Europäischen Fußballmeisterschaft für jeden Marktteilnehmer unterschiedlich wertvoll sein. Wie viel wäre es Ihnen wert, dass Ihre Fußball-Nationalmannschaft am 11. Juli den etwa 8 Kilogramm schweren Pokal in den Händen hält?

Die Antwort auf diese Frage dürfte stark mit den eigenen Präferenzen, in diesem Fall aber besonders mit dem ideellen Wert zusammenhängen, der dem Sieg des Turniers beigemessen wird. Außer dem Ruhm gewinnt die Siegernation das vierjährige (in diesem Fall dreijährige) Recht auf den „Coupe Henri Delaunay“, den rund 60 cm hohen und 8 Kilogramm schweren Pokal, der nach dem Finale an die Siegermannschaft übergeben wird. Der tatsächliche Wert dieses Pokals beträgt, am aktuellen Silberpreis gemessen, rund 5.600 Euro. Der Londoner Juwelier Asprey berechnete zur Herstellung des Pokals 15.400 Euro, wobei der reine Materialwert damals rund 3.000 Euro betrug. Mehr als 18.000 Euro dürfte der Pokal also nüchtern betrachtet keinem der Länder wert sein. Oder? Der Frage, welchen Geldbetrag die Einwohner eines Landes zu zahlen bereit wären, damit Ihre Mannschaft die Euro 2020 gewinnt, wurde im Rahmen einer ING-Umfrage aus dem Mai 2021 unter 12 europäischen Ländern nachgegangen.

Unser Chart of the Week zeigt, dass sich gewisse Werte nicht durch die zugrundeliegenden Materialien oder Herstellungskosten begründen lassen. Selbst die Niederländer, die dem Sieg mit einer Zahlungsbereitschaft von durchschnittlich nur 51 Euro pro Person den geringsten Wert beimessen, würden für den Pokal insgesamt rund 890 Millionen Euro auf den Tisch legen. Das entspricht etwa 0,1 Prozent der Wirtschaftsleistung des Jahres 2020, oder knapp 49.000 Siegerpokalen.

„Welchen Geldbetrag wären Sie bereit zu zahlen, damit Ihre Mannschaft die Euro 2020 gewinnt?“

Quelle: ING Economic & Financial Analysis

Um zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren wieder einen EM-Titel mit nach Hause nehmen zu dürfen, würden die Italiener besonders tief in die Tasche greifen. Im Durchschnitt sind sie bereit, pro Person 528 Euro für den Sieg der Squadra Azzurra hinzublättern. Insgesamt entspräche das einem Gesamtwert von etwa 32 Milliarden Euro. Das Bruttoinlandsprodukt des mediterranen Landes lag im vergangenen Jahr bei rund 1.652 Milliarden Euro – in Italien ist man also bereit, 2 Prozent der Wirtschaftsleistung für den Sieg der Europameisterschaft auszugeben.

Deutschland befindet sich, zumindest was die Wertschätzung des Turniersieges betrifft, im Mittelfeld. 194 Euro würden im Durchschnitt pro Kopf aufgebracht werden, um ein neues Sommermärchen zu erleben. Zwar konnte Deutschland den vorletzten Weltmeistertitel für sich beanspruchen, ein EM-Sieg liegt allerdings auch hierzulande recht weit in der Vergangenheit. Um den Pokal nach 25 Jahren wieder nach Deutschland zu holen, würden 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des vergangenen Jahres gezahlt werden. Das sind rund 16 Milliarden Euro.

An den Märkten würde man von einer deutlichen Überbewertung des Titels sprechen und nicht alle Befragten wären bereit, sich an unserer hypothetischen Aktie zu beteiligen. Dennoch führt Italien die Tabelle auch hier an: Nur 22 Prozent der Befragten würden für den EM-Sieg nichts zahlen wollen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass knapp 80 Prozent der Italiener bereit wären etwas springen zu lassen, um am 11. Juli den Titel zu holen. In den Niederlanden ist es umgekehrt, nur für 20 Prozent der Befragten würde sich der Griff ins Portemonnaie lohnen, um der Mannschaft zum Sieg zu verhelfen. Deutschland bewegt sich auch an dieser Stelle im Mittelfeld, 46 Prozent der Befragten sind zu monetären Leistungen bereit, um den Pokal nach Hause zu holen.

Welchen persönlichen Nutzen einem der Sieg der heimischen Nationalmannschaft nun stiften mag und ob man dafür bereit wäre tief in die Tasche zu greifen, bleibt jedem selbst überlassen. Glücklicherweise wird der Sieg der Europameisterschaft nicht durch die Ergebnisse unserer Befragung, sondern am 11. Juli in Wembley entschieden – wir bleiben allerdings gespannt, ob die Zahlungsbereitschaft der Fans sich im Endergebnis des Turniers widerspiegeln wird. 

Autor: Franziska Biehl