Schwieriger Start mit langfristigen Folgen

Chart of the Week

Sowohl der deutsche als auch der europäische Arbeitsmarkt schüttelt die Krise so langsam ab – doch gilt das für alle Beteiligten? Arbeitsmarktdaten zeigen, dass das leider nicht der Fall ist. Besonders junge Leute haben während der Krise Schwierigkeiten den Einstieg ins Berufsleben zu finden. Eine Tatsache, die langfristige Folgen auf das lebenslange Einkommen haben könnte.

Der Arbeitskräfteerhebung von Eurostat zufolge lag die saisonbereinigte Arbeitslosenquote in Deutschland im Juni bei 3,7 Prozent. Vor Ausbruch der Krise lag die Quote bei 3,3 Prozent, im gesamten letzten Quartal des Jahres 2020 lag sie bei 4,1 Prozent. Der deutsche Arbeitsmarkt scheint sich also langsam, aber sicher von der Krise zu erholen. Ein detaillierter Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt allerdings, dass nicht alle Gruppen gleichermaßen gut dar stehen. Der Anteil an jungen Menschen, genauer gesagt an jenen zwischen 15 und 25 Jahren, der ohne Arbeit ist, ist deutlich höher. Hier lag die Arbeitslosenquote im Juni bei 7,5 Prozent. Zwar lag sie auch bereits vor der Krise mit 5,9 Prozent deutlich höher als die Quote insgesamt, die Differenz zum Vorkrisenniveau ist aktuell mit 1,6 Prozentpunkten aber ebenfalls größer als die 0,4 Prozentpunkte, die den gesamten Arbeitsmarkt von Dezember 2019 trennen.

Unser Chart of the Week zeigt die Arbeitslosenquote Deutschlands und die der unter 25-jährigen in Deutschland seit 1991. Zwar lag letztere bereits seit 1993 oberhalb der Arbeitslosenquote im Gesamten, in Krisenzeiten allerdings war der Unterschied besonders deutlich. Dass dies einen negativen Einfluss auf das lebenslange Einkommen von Berufseinsteigern hat, haben US-amerikanische Wissenschaftler bereits im Jahr 2006 herausgefunden, als sie die langfristigen Folgen von Arbeitslosigkeit direkt zu Karrierebeginn untersucht haben.

Saisonbereinigte Arbeitslosenquote Deutschland (gesamt und <25-jährige)

Quelle: Refinitiv

Im Alter zwischen 15 und 25 Jahren beginnt für viele der Berufsalltag. Ob im Rahmen einer Berufsausbildung, oder nach dem erfolgreichen Abschluss eines Studiums, die Suche nach dem ersten Job ist auch bereits ohne eine globale Pandemie eine aufregende und herausfordernde Zeit. Wer allerdings im vergangenen Jahr den Start ins Berufsleben wagen wollte, musste sich auf weitere Herausforderungen einstellen. Denn in Krisenzeiten werden erfahrungsgemäß eher Stellen ab- als aufgebaut. Im Mai des vergangenen Jahres fiel der Offene Stellen-Index der Bundesagentur für Arbeit auf das niedrigste Niveau seit 2014.

Keinen direkten Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden ist aber nicht nur für das Selbstbewusstsein, sondern auch für das lebenslange Einkommen schädlich. Denn wer zu Beginn seiner Karriere keine Stelle finden kann und somit als arbeitslos gemeldet wird, verdient beim Berufseinstieg substanziell weniger als diejenigen, die direkt eine Anstellung finden konnten. Mroz und Savage fanden heraus, dass eine sechsmonatige Arbeitslosigkeit im Alter von 22 Jahren zu einem um 8 Prozent geringerem Einkommen im Alter von 23 Jahren führt. Und die Lücke schließt sich nur langsam – bis zum Alter von 27 Jahren wird eine Einkommenslücke von 5 Prozent zu den Direkteinsteigern bestehen bleiben, im Alter von 30 bzw. 31 Jahren beträgt sie noch immer 2 Prozent. Und auch wenn die Lücke sich schließt – es bleiben Einbußen bestehen, die das lebenslange Einkommen um rund 5 Prozent schmälern.

Doch auch diese herausfordernde Situation gilt es zu nutzen: eine Umfrage des Institute of Labor Economics unter Arbeitsmarkt-Ökonomen aus dem August 2020 zeigte, dass rund 50 Prozent der befragten Experten in Deutschland erwarten, dass Studienabsolventen eine tertiäre Ausbildung beginnen werden, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Dadurch würde nicht nur das primäre Problem der Arbeitslosigkeit gelöst werden, sondern auch eine zusätzliche Investition in das eigene Humankapital getätigt, was wiederum das erwartete lebenslange Einkommen erhöht.

An dieser Stelle zeigt sich erneut, dass die Krise nicht alle Beteiligten gleichermaßen getroffen hat. Während Arbeitnehmer durch Kurzarbeit-Modelle geschützt wurden, war das vergangene Jahr für Berufseinsteiger ein schwieriges. Die positive Gesamtbilanz verschleiert dabei die ungleichen Entwicklungen am Arbeitsmarkt.

Autor: Franziska Biehl