Alle Zeichen auf Erholung

Chart of the Week

Vor einem Jahr galt eine unserer größten Sorgen dem Arbeitsmarkt – würden die großzügigen staatlichen Unterstützungsmaßnahmen lediglich eine Welle an Arbeitslosigkeit verschleppen? Glücklicherweise haben sich diese Befürchtungen nicht bewahrheitet und der Arbeitsmarkt steht beinahe schon wieder auf Vorkrisenniveau. Und wenn es nach den Unternehmen geht, dürfte sich die Situation noch weiter verbessern. Für den deutschen Arbeitsmarkt stehen alle Zeichen auf Erholung.

Rund 44,9 Millionen Menschen gingen im August dieses Jahres einer beruflichen Beschäftigung nach. Das waren zwar 358.000 Beschäftigte weniger als noch im Januar 2020, also vor der Pandemie, allerdings hat der Arbeitsmarkt in diesem Jahr bereits einen deutlichen Aufschwung hingelegt. Im Februar waren immerhin mehr als 700.000 Menschen weniger am Arbeitsmarkt beschäftigt als vor der Krise. Seitdem konnte die Differenz stetig verringert werden. Vor allem durch die Wiedereröffnung der Wirtschaft machte der Arbeitsmarkt ab Juni große Fortschritte. Sowohl im Dienstleistungssektor als auch in der Industrie stieg die Nachfrage wieder an und für die Unternehmen bedeutete dies ebenfalls einen Anstieg in der Nachfrage, aber eben nach Arbeitskraft.

Welche Erwartungen die Unternehmen an die Entwicklung des Arbeitsmarktes haben, wird monatlich im Rahmen einer Stimmungsumfrage der Europäischen Kommission sowohl unter den Dienstleistungs- als auch den Industrieunternehmen abgefragt. Die Ergebnisse geben den Saldo aus positiven und negativen Antworten wieder und standen zuletzt auf den höchsten Werten seit 2018 für die Industrie bzw. seit 2019 für den Dienstleistungssektor.

Doch spiegeln sich die Absichten der Unternehmen auch in den tatsächlichen Daten zur Beschäftigung in Deutschland wider? In der Tat – unser Chart of the Week zeigt, dass die Beschäftigung mit einer Verzögerung von 5 Monaten der Einschätzung der Unternehmen folgt. Diese scheinen die personaltechnischen Vorhaben also tatsächlich in die Tat umzusetzen. Das bedeutet, dass die heutige Einschätzung der Unternehmen als guter Indikator für den Arbeitsmarkt in einigen Monaten dient. Und für die vor uns liegenden Monate sieht es gut aus.

Beschäftigungserwartungen und jährliche Veränderung der Beschäftigten (5M Lag)

Quelle: Refinitiv, ING Financial & Economic Research

Die Einschätzungen der Unternehmen die Beschäftigung betreffend waren seit April dieses Jahres durchweg positiv und stiegen Monat für Monat weiter an. Lediglich im September erlitt die Erwartung an die Beschäftigung einen minimalen Dämpfer, dennoch blieben die Salden weit im positiven Bereich und signalisierten so, dass die Unternehmen für die vor ihnen liegenden drei Monate durchaus steigende Beschäftigungszahlen erwarten würden.

Wird die Erholung am Arbeitsmarkt in den kommenden Monaten in etwa in dem Tempo der vergangenen Monate weitergehen, dürfte der deutsche Arbeitsmarkt das Vorkrisenniveau noch vor Ende des Jahres 2021 wieder erreicht haben – zumindest was die Anzahl der Beschäftigten betrifft.

Für den Arbeitsmarkt stehen also alle Zeichen auf Erholung und eine Rückkehr zum Vorkrisenniveau, bevor zum Ende des Jahres die zusätzliche Unterstützung in Form des erleichterten Zugangs zur Kurzarbeit entfällt, scheint realistisch. Normalerweise sind Volkswirte nicht glücklich, wenn sich Prognosen als falsch erweisen. Im Falle des Arbeitsmarktes machen wir aber mit aller Liebe eine Ausnahme.

Autor: Franziska Biehl