Weihnachtliche (In-)Effizienz

Chart of the Week

Der Grinch und Ebenezer Scrooge sind die wohl bekanntesten Weihnachtsmuffel der Geschichte. Doch haben Sie kürzlich einmal einen Volkswirt nach seiner Meinung zum Schenken gefragt? Wenn Sie die romantische Vorstellung von hübsch verpackten Päckchen unterm Weihnachtsbaum nicht verlieren möchten, sollten Sie dies tunlichst vermeiden – denn folgt man der Theorie, sind die meisten Geschenke nicht nur ineffizient, sie sind sogar wohlfahrtsvernichtend.

Haben Sie sich selbst, oder sogar Ihren Freunden und Verwandten, schon einmal die Frage gestellt, wie viel ihnen die von Ihnen gemachten Weihnachtsgeschenke wert wären, hätten Sie die Geschenke sich selbst zugelegt? Vermutlich nicht, denn schließlich spielt zur Weihnachtszeit insbesondere der emotionale Wert der Dinge eine große Rolle. Doch heute wollen wir das Schenken einmal von der rationalen Seite betrachten – genauso wie der US-Ökonom Joel Waldfogel es im Jahr 1993 tat. Der damals an der Yale-Universität unterrichtende Wirtschaftswissenschaftler fragte seine Studenten danach, welchen Wert die Geschenke hatten, die sie zum vergangenen Weihnachtsfest erhielten und, den sentimentalen Wert außen vorgelassen, welchen Betrag sie dafür selbst zu zahlen bereit gewesen wären. Das Ergebnis: die Zahlungsbereitschaft der Beschenkten lag im Durchschnitt deutlich unterhalb des monetären Wertes der Geschenke. Während jeder der Studenten im Durchschnitt Geschenke für 438 US-Dollar erhielt, lag die durchschnittliche Zahlungsbereitschaft bei 313 US-Dollar. Die negative Differenz zwischen dem beigemessenen und dem tatsächlichen Wert der Geschenke in Höhe von knapp 30 Prozent stellt einen Wohlfahrtsverlust, also eine ineffiziente Allokation der Ressourcen, dar, denn in den Augen der Beschenkten waren die Geschenke überbewertet und stifteten nicht den Nutzen, den sie sich vom monetären Wert erwarten würden.

Und was heißt das nun für die Effizienz des Schenkens? Aus der volkswirtschaftlich-theoretischen Perspektive betrachtet jedenfalls, scheinen Geld und Gutscheine die einzig effizienten Geschenke zu sein – es sei denn, die Präferenzen des Beschenkten sind eindeutig bekannt.

Anteil der Deutschen, die angeben, zu Weihnachten Geld oder Gutscheine verschenken zu wollen (in %)

Quelle: EY

Und nur wenige Menschen kennen, den Untersuchungsergebnissen zufolge, die Präferenzen der Beschenkten so gut wie sie selbst – der Studie zufolge sind es insbesondere die Freunde und Lebensgefährten, die oft ins Schwarze treffen. Die größte Diskrepanz zwischen empfundenem und tatsächlichem Wert gab es bei den Geschenken der Tanten und Onkel sowie bei denen der Großeltern.

Um Wohlfahrtsverluste unterm Weihnachtsbaum zu vermeiden, sollten also häufiger Gutschein- oder Geldgeschenke gemacht werden. Unser Chart of the Week zeigt allerdings, dass die effizienten Geschenke nicht mehr so stark im Trend liegen wie noch vor einigen Jahren. Einer Umfrage der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY zufolge planen dieses Jahr zwar nach wie vor 47 Prozent aller Deutschen zu Weihnachten Geld oder Gutscheine zu verschenken, im vergangenen Jahr waren es allerdings noch knapp 60 Prozent aller Befragten. Und auch in den Vorjahren lag der Anteil derer, die Geld oder Gutscheine für die Liebsten bereithielten bei weit über 50 Prozent.

Allerdings gibt es auch aus ökonomischer Sicht Argumente für ein Sach- anstatt eines Geldgeschenks. Was erklären dürfte, warum auch Volkswirte zu Weihnachten nicht nur unpersönliche Briefumschläge überreichen. Die Verhaltensökonomie zeigt beispielsweise, dass Menschen dazu neigen, ein Gut als wertvoller einzuschätzen, wenn sie es erst einmal besitzen. Zudem ist es möglich, dem Beschenkten nicht nur den Gegenstand, sondern dadurch auch Zeit zu schenken, die er andernfalls mit der Suche danach verbracht hätte – Geschenke können also auch die Opportunitätskosten einer Person senken. Wie der Grinch und Ebenezer Scrooge können sich also auch Volkswirte am Ende der Geschichte für das Fest der Liebe erwärmen.

Mit diesem Chart of the Week verabschieden wir uns aus dem Jahr 2021 und wünschen Ihnen erholsame Feiertage und einen guten Start in das Jahr 2022 – ganz gleich, was Sie unter den Weihnachtsbaum legen, oder darunter finden werden. Denn, um es in den Worten des wohl größten Weihnachtsmuffels der Geschichte zu sagen: „Maybe Christmas doesn’t come from a store. Maybe Christmas, perhaps, means a little bit more.“

Autor: Franziska Biehl