Von Nudeln und Toilettenpapier zu Mehl und Öl

Chart of the Week

Leere Supermarktregale erinnern in diesen Tagen so manchen Kunden an die Frühphase der Corona-Pandemie. Derzeit sind es Weizenmehl und vor allem Speiseöl, die schwer zu finden sind, 2020 waren es Nudeln und Toilettenpapier. Damals gab es keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Anlass und den Objekten der Knappheit: Das Virus war schließlich nicht dafür bekannt, den für die Pastaherstellung erforderlichen Hartweizen zu befallen. Auch die Knappheit von Toilettenpapier war nicht darauf zurückzuführen, dass Durchfall ein – vergleichsweise selten beobachtetes – Symptom von Corona-Erkrankungen war.

Vielmehr wollten sich die Verbraucher wohl eher auf die Möglichkeit einrichten, in Abhängigkeit von der örtlichen Pandemiesituation oder gar einer eigenen Erkrankung über einen gewissen Zeitraum nicht einkaufen zu können, und deckten sich daher mit Produkten des täglichen Bedarfs und haltbaren Lebensmitteln ein. Dieser gesteigerte Bedarf überforderte die Lagerbestände des örtlichen Einzelhandels, der darauf eingerichtet ist, dass Menschen diese Produkte üblicherweise nur in gewissen Abständen und Mengen einkaufen.

Als sich dann hier und da die Regale zu leeren begannen und Bilder davon in den sozialen Medien die Runde machten, kam es zu einer Art Zweitrundeneffekt: In der Angst, nichts mehr abzubekommen, wurde „gehamstert“, was zu kriegen war. Bilder von Menschen, die ganze Einkaufswagen voller Toilettenpapier aus den Supermärkten schoben, sobald es irgendwo wieder verfügbar war, befeuerten diese Angst anschließend weiter – und nun kam die Einzelhandelslogistik erst recht nicht mehr hinterher, die Abgabe an Verbraucher wurde stellenweise rationiert. Aber als irgendwann jeder, der wollte, einen Jahresvorrat an Nudeln und Toilettenpapier im Keller hatte, normalisierte sich die Verfügbarkeit dieser Produkte schnell wieder.

Rohstoffpreis für Weizen an der Chicagoer Terminbörse (Front Month Future, USD je Scheffel)

Quelle: Refinitiv, ING Economic & Financial Analysis

Etwas anders stellt sich die momentane Situation dar. Anlass ist dieses Mal der Krieg in der Ukraine – und hier gibt es zu den Objekten der Knappheit tatsächlich einen Bezug. Denn sowohl Russland als auch die Ukraine gehören zu den größten Getreideproduzenten der Welt; vor allem die Ukraine exportierte vor der russischen Invasion einen großen Teil ihrer Ernte. Inwieweit die ukrainische Landwirtschaft ihren Ausstoß unter Kriegsbedingungen beibehalten kann, ist unklar – der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal prognostizierte bereits einen Einbruch um 20 Prozent. Unser Chart der Woche zeigt, wie parallel zur Verschärfung der Situation an der ukrainischen Ostgrenze der Future-Preis (Lieferung der Ware zu einem zukünftigen Zeitpunkt zum Preis von heute) für Weizen Ende Februar rasant zu steigen begann. Von etwas unter 8 US-Dollar je Scheffel (entspricht ca. 27 kg) zu Anfang des Jahres wurden einige Tage nach Kriegsbeginn bereits Kurse von über 14 Dollar erreicht. Mittlerweile hat sich der Preis an der Chicagoer Terminbörse bei etwas über 10 Dollar eingependelt – immer noch rund 30 Prozent mehr als zu Jahresbeginn.

Und das Speiseöl? Vor allem günstige Sorten werden oft aus den Kernen von Sonnenblumen gepresst – und hier ist die Ukraine sogar das bedeutendste Anbauland weltweit, mit einer Anbaufläche, die anderthalb Mal so groß ist wie die der gesamten EU. Kein Wunder, dass die Sonnenblume als inoffizielles Nationalsymbol gilt.

Auch die momentan leeren Regale hängen sicher – wie auch 2020 – zumindest teilweise mit den beschriebenen „Hamsterkäufen“ zusammen. Aber angesichts des Kriegs in der Ukraine dürfte eine Normalisierung der Versorgungssituation dieses Mal länger auf sich warten lassen – und mit steigenden Preisen einhergehen.

Autor: Sebastian Franke