Wer hat Angst vor der Lohn-Preis-Spirale?

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Die Inflation dürfte im Jahresdurchschnitt bei 8-9 Prozent liegen und in Reaktion auf die starke Preisentwicklung forderte die IG Metall nun für die Beschäftigten in der Stahlindustrie Lohnerhöhungen von 8,2 Prozent – was die Sorge auslöst, dass Löhne und Preise sich gegenseitig weiter hochschaukeln, und Erinnerungen an ein Kinderspiel weckt. Wer hat Angst vor der Lohn-Preis-Spirale? Aktuell sowohl Politiker, Ökonomen als auch Unternehmen. Und wenn sie kommt? Naja … wir jedenfalls glauben nicht daran.

Die Inflation bleibt das Dauerthema Nummer eins. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn im Vergleich zu vielen anderen ökonomischen Größen ist das, was durch die Inflationsrate in Zahlen ausgedrückt wird, nämlich die Preissteigerung im Vergleich zum Vorjahr bzw. -monat, tatsächlich spürbar. Insbesondere, da die Löhne bereits in den vergangenen zwei Jahren nicht ausreichend gestiegen sind, um die Inflation auszugleichen. Dem tritt die IG Metall nun mit einer starken Lohnforderung von 8,2 Prozent, mit einer Laufzeit von 12 Monaten, für die Beschäftigten in der Stahlindustrie entgegen.

Sowohl bei Unternehmen als auch in der Politik herrschte bereits vor dieser deutlichen Forderung Angst vor einer Lohn-Preis-Spirale. Einer Situation, in der die Arbeitnehmer aufgrund der hohen Inflation deutlich höhere Löhne fordern, die Lohnkosten der Unternehmen steigen und sie in Reaktion darauf die Preise erhöhen – was dazu führt, dass die Inflation länger höher liegt.

Lohn- und Preisentwicklung in Deutschland

Quelle: Refinitiv

Doch ist die Angst vor einer ausgewachsenen Lohn-Preis-Spirale wirklich berechtigt? Tatsächlich sprechen einige Punkte dafür, dass die Löhne in gewissem Maße steigen werden. Zum einen sorgt der Fachkräftemangel dafür, dass den Arbeitnehmern eine gewisse Verhandlungsmacht zukommt – Arbeitskräfte sind aktuell Mangelware und ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage lässt sich über den Preis steuern. Hinzukommt die voranschreitende Regionalisierung. Produktionsprozesse werden aus dem Ausland zurück vor die eigene Haustür geholt, auch das sorgt für tendenziell höhere Lohnkosten. Zu guter Letzt dürfte die hohe Inflation, die zu einem Kaufkraftverlust für die Verbraucher führt, ein weiteres Argument für steigende Löhne sein – denn ohne eine Entlastung der Verbraucher in Form höherer Löhne würde der private Konsum langfristig leiden, was im Umkehrschluss auch die Unternehmen träfe. Hinzu kommt die Erhöhung des Mindestlohns, der im Laufe des Jahres auf 12 Euro pro Stunde steigen wird, was flächendeckend für mehr Lohndruck sorgen könnte.

All das spricht allerdings eher für moderates Lohnwachstum von 2-3 Prozent als für ein starkes Wechselspiel zwischen Löhnen und Preisen. Die vergangenen Tarifabschlüsse fielen, trotz teils hoher Forderungen, eher verhalten aus und dass die Forderungen der Gewerkschaften in den kommenden Monaten erfüllt werden, ist unwahrscheinlich. Zudem ist es möglich, dass die Gewerkschaften aufgrund der aktuellen Wirtschaftslage bei künftigen Verhandlungen von hohen Lohnforderungen Abstand nehmen und eher auf Arbeitsplatzsicherheit plädieren.

Von einer ausufernden Lohnentwicklung, die eine echte Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen würde, ist daher nicht auszugehen. In erster Linie würden die Lohnanpassungen den Kaufkraftverlust der Verbraucher in gewissem Maße abfedern, was im aktuellen Umfeld die Wirtschaft eher stabilisieren als gefährden dürfte.

Autor: Franziska Biehl