Der Inflation größter Zaubertrick: die verschwundenen Ersparnisse

Chart of the Week

Spare in der Zeit, so hast Du in der Not – ein Sprichwort, dass sich die Deutschen während der Pandemie, mehr oder weniger freiwillig, zu Herzen genommen haben. Doch mittlerweile ist von den Überschussersparnissen nichts mehr übrig. In der aktuellen Zeit muss man keiner Zaubershow beiwohnen, um dabei zuzusehen, wie etwas verschwindet. 

Während der Pandemie war die Möglichkeit zum privaten Konsum deutlich eingeschränkt. Zum einen blieben der Einzelhandel und die Gastronomie teilweise geschlossen und Veranstaltungen wurden abgesagt, zum anderen hielt sich die Bevölkerung aufgrund der Sorge vor einer möglichen Infektion von stark frequentierten Plätzen fern. Gleichzeitig erlitten die meisten Deutschen keine großen Einkommensverluste, denn der Staat unterstützte die vulnerablen Bereiche großzügig. Als Resultat stiegen die Ersparnisse überdurchschnittlich an. Zwischen dem ersten Quartal 2020 und dem Ende des ersten Quartals 2021 in Summe um rund 43 Milliarden Euro. Im Vergleich dazu stiegen die Ersparnisse der Deutschen im gleichen Zeitraum in den Jahren 2016 – 2019 um durchschnittlich 6 Milliarden Euro an. Im Vergleich zum Durchschnitt ergibt sich also eine Überschussersparnis von rund 37 Milliarden Euro.

Mit Beginn des Kriegs in der Ukraine zeichnete sich eine Lebenshaltungskostenkrise für die Deutschen Verbraucher ab und die wirtschaftlichen Aussichten verschlechterten sich zusehends. Wer im Vergleich zum Vorjahr ein Vielfaches für die Energierechnung ausgeben muss und selbst beim Einkauf beim Discounter nicht mehr günstig davonkommt, wird vermutlich an anderer Stelle sparen und der private Konsum dürfte in Mitleidenschaft gezogen werden. Doch diese Einschätzung teilen nicht alle: Noch im Juli sagte EZB-Präsidentin Lagarde nach der geldpolitischen Sitzung, dass der private Konsum durch die während der Pandemie angehäuften Überschussersparnisse unterstützt würde.

Was bis zum Ende des ersten Quartals stimmen mochte, galt im zweiten Quartal allerdings nicht mehr. Denn die während der Pandemie aufgebauten Überschussersparnisse von rund 37 Milliarden Euro waren zum Ende des ersten Quartals dieses Jahres mehr als nur aufgebraucht. Das zeigt unser Chart of the Week.

Sparen der privaten Haushalte (saisonbereinigt, Veränderung zum Vorquartal, in Mrd. Euro)

Quelle: Destatis; ING Economic & Financial Analysis

Zwischen dem zweiten Quartal 2021 und dem Ende des zweiten Quartals 2022 schrumpften die Ersparnisse der Deutschen nämlich um 45,5 Milliarden Euro – die Überschussersparnisse waren zu Ende März aufgebraucht und zu Ende Juni um 8,5 Milliarden Euro unterschritten. Es waren also nicht die Corona-Ersparnisse, auf die zurückgegriffen wurde, um während des zweiten Quartals auf Reisen zu gehen, auszugehen, oder zu shoppen. Oder schlicht und ergreifend, um auf die hohen Kosten im Alltag zu reagieren.

Für den Konsum in den kommenden Monaten bedeutet das, dass die Aussichten alles andere als rosig sind. Nicht nur, weil die Überschussersparnisse aus Pandemiezeiten vollständig aufgebraucht sind, sondern auch weil die Anschaffungsneigung aufgrund immer weiter steigender Lebensmittel- und Energiepreise zuletzt deutlich abgenommen hat. Die Sparneigung hat zwar weiterhin zugenommen, diese Sicherheitspolster dürften aber dazu dienen, um auf Nachzahlungen oder Vertragsanpassungen der Energieversorger vorbereitet zu sein.

„Wollen Sie sehen, wie ich Ihre Ersparnisse verschwinden lasse?“ So oder so ähnlich würde die Inflation vermutlich ihre Zaubershow eröffnen. Der Trick ist in jedem Fall gelungen, die Überschussersparnisse sind verschwunden. Und mit ihnen die Hoffnung für den privaten Konsum, was dazu führen dürfte, dass am Ende der Show statt eines Kaninchens eine Rezession aus dem Zylinder gezogen wird…

Autor: Franziska Biehl