Hätte, hätte, Gaspreisbremse

Chart of the Week

4 min Lesedauer 14.10.2022

Wer in den ersten Schuljahren im Matheunterricht nicht ganz so gut aufgepasst hat, lernt es spätestens in diesem Jahr, das kleine Einmaleins. Die Gaspreise für Haushalte haben sich im Laufe des Jahres bereits verdreifacht. Ein Glück, dass die Bundesregierung einspringt und die Gaspreisbremse auf den Weg bringt – unglücklich allerdings, dass diese erst zum Ende der aktuellen Heizperiode im nächsten Jahr greifen soll.

Im zweiten Halbjahr 2021 zahlten die privaten Haushalte für eine Kilowattstunde Erdgas durchschnittlich 6,83 Cent. In diesem Monat liegt der durchschnittliche Erdgaspreis für private Haushalte dem Vergleichsportal Verivox zufolge bei 20,54 Cent pro Kilowattstunde. Etwa dreimal so viel wie im vergangenen Winter müssen private Haushalte nun also aufbringen, um die Gasrechnung zu begleichen. Für Haushalte, die eine Wohnung mit weniger als 60 Quadratmetern bewohnen, was rund 21 Prozent der deutschen Haushalte sind, bedeutet das, dass sich die Gasrechnung von durchschnittlich 430 Euro im Jahr 2021 auf 1.294 Euro erhöht. Für Haushalte, die Wohnungen mit zwischen 60 und 100 Quadratmetern bewohnen, erhöht sich die Rechnung von 717 auf 2.157 Euro. Dies betrifft etwa 41 Prozent der deutschen Haushalte. Die übrigen 38 Prozent der deutschen Haushalte bewohnen Wohnungen mit über 100 Quadratmetern und werden nun mit 3.629 Euro zur Kasse gebeten anstatt der 1.207 Euro aus dem vergangenen Jahr.

Um die Haushalte zu entlasten, stellte die Gaspreiskommission der Bundesregierung in dieser Woche den „Doppel-Wumms“ vor. Im Dezember soll die Abschlagszahlung für Gas vom September einmalig vom Staat übernommen werden. Zudem soll eine Gaspreisbremse installiert werden. Dabei wird für einen Anteil des Gasverbrauchs von 80 Prozent ein Gaspreis von 12 Cent pro Kilowattstunde festgesetzt, für die übrigen 20 Prozent des Verbrauchs wird der Marktpreis fällig. So sollen, trotz Entlastung, Anreize zum Energiesparen bestehen bleiben. Unsere Rechnung zeigt: mit der Gaspreisbremse würde sich die Gasrechnung im Vergleich zum Vorjahr nicht mehr verdreifachen. Allerdings stünde, unter der Annahme, der Gaspreis bliebe unverändert zum Oktober, nach wie vor das Doppelte der Vorjahresrechnung zu Buche.

Höhe der Jahresrechnung für Gas für private Haushalte nach Wohnfläche (in Euro)

Quelle: Destatis; Verivox; ING Economic & Financial Analysis

Wie gut, dass die Bundesregierung auf die hohen Gaspreise und die damit verbundene Lebenshaltungskostenkrise für die Verbraucher reagiert. Möchte man meinen. Denn unser Chart of the Week zeigt Ihnen nicht, welche Entlastung Sie tatsächlich erwarten können. Er zeigt Ihnen, welche Entlastung Sie hätten erwarten können, wenn die Gaspreisbremse in diesem Winter gelten würde. Doch das tut sie nicht. Sie soll ab März oder April 2023 greifen, also kurz vorm Ende der aktuellen Heizperiode. In den Monaten Januar bis März wird schon 40 Prozent des gesamten Jahresverbrauch an Gas ‚verkonsumiert‘. Die Gaspreisbremse gilt dann zwar für 14 Monate, doch für die Verbraucher wird es diesen Winter wohl eher doppelt rummsen als wummsen, weil nach der Übernahme der Dezemberrechnung die nächste hohe Rechnung ins Haus flattert.

Die einmalige Übernahme der Abschlagszahlung im Dezember dürfte zwar, ebenso wie die Einmalzahlung von 300 Euro im September, ein wenig helfen, wird aber nicht ausreichen, um die insgesamt gestiegenen Lebenshaltungskosten auszugleichen. Dafür kommt die Reaktion der Bundesregierung schlicht und ergreifend zu spät. Die Unsicherheit auf Verbraucherseite bleibt hoch, Kaufentscheidungen werden weiter aufgeschoben, das Geld wird lieber auf die Seite gelegt und der private Konsum wird weiter belastet.

Zwar hätte die Rezession, in die Deutschland seit Beginn des Kriegs in der Ukraine schlittert, auch nicht mehr verhindert werden können, wenn die Gaspreisbremse bereits jetzt greifen würde, doch sie hätte vermutlich deutlicher abgefedert werden können. Aber wie heißt es? Hätte, hätte, …Gaspreisbremse.

Autor: Franziska Biehl