Raus aus der Stagnation

Chart of the Week

„Es gibt noch gute Nachrichten.“ Mit diesem Slogan bewarb in den 90er Jahren ein privater TV-Sender seine tägliche Nachrichtensendung, die in direkter Konkurrenz zur altehrwürdigen ARD-Tagesschau um 20:00 Uhr im Programm positioniert wurde. Ein mutiges Experiment, dem jedoch kein nachhaltiger Erfolg beschieden war – nennenswerte Einschaltquoten konnte man dem Platzhirsch nicht abjagen. Bald fand sich die Sendung auf einem anderen Programmplatz wieder.

Hoffen wir, dass die guten Nachrichten, die uns in dieser Woche aus Wiesbaden erreichten, länger Bestand haben werden: Das Statistische Bundesamt vermeldete nach zwei Jahren in Folge mit schrumpfendem Bruttoinlandsprodukt für das Jahr 2025 wieder ein Wirtschaftswachstum von 0,2 Prozent. Da es sich hierbei aber nur um eine erste Schnellschätzung handelt, bleibt vorerst noch Daumendrücken angesagt, dass das vermeldete Miniwachstum nicht schon mit der folgenden Schätzung in zwei Wochen oder mit den detaillierten Ergebnissen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen Ende Februar wieder einkassiert wird.

Selbst wenn das passieren sollte, müssten zwar Zahlenwerke korrigiert werden – auch unser Chart der Woche, der das BIP-Wachstum der letzten zehn Jahre zeigt, sähe dann zum Ende hin etwas weniger freundlich aus. Die 0,2 Prozent Wachstum im vierten Quartal, die auch für das Gesamtjahr letztlich den Ausschlag gaben, sind aber nicht nur eine Zahl, sondern bereits Ausdruck einiger noch zaghafter positiver Entwicklungen, die sich gegen Ende 2025 abzuzeichnen begannen.

Endlich wieder ein Plus

BIP-Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent, preisbereinigt

Der Chart zeigt die preisbereinigte BIP-Veränderung gegenüber dem jeweiligen Vorjahr in Prozent für den Zeitraum 2016-2025.
Quelle: Statistisches Bundesamt

Zuvor schien die deutsche Wirtschaft lange wie gelähmt – abgesehen von einem kurzlebigen Exportboom im Frühjahr, als amerikanische Importeure als Reaktion auf die Ankündigung von Zöllen durch die US-Regierung noch schnell ihre Lager füllen wollten. Wenn sich die vorläufigen Werte bestätigen sollten, wäre das letzte Quartal des abgelaufenen Jahres erst das dritte seit Ende 2022, in dem die deutsche Wirtschaft gewachsen ist.

Doch dabei wird es hoffentlich nicht bleiben. Die Auftragsbücher der deutschen Industrie beginnen sich wieder zu füllen – und nach der Verabschiedung des Bundeshaushalts für 2026 Ende November können im neuen Jahr auch endlich die ersten Gelder für Infrastruktur und Verteidigung fließen, die die Reform der Schuldenbremse im März möglich gemacht hatte.

Damit ist natürlich noch nicht alles eitel Sonnenschein. Auch wenn der Bund Geld in die Hand nimmt, dürfte die Investitionsschwäche in der Privatwirtschaft fortbestehen. Die deutschen Verbraucher werden angesichts eines Arbeitsmarkts, auf dem sich inzwischen die Spuren von mehreren Jahren Stagnation zeigen, noch keine große Konsumlaune entwickeln. Und sollte sich tatsächlich zeitnah ein von fiskalischen Impulsen getriebenes solides Wachstum einstellen, dürften das nicht wenige in der Politik als Einladung missverstehen, notwendige Reformen doch wieder auf die lange Bank zu schieben. Vorerst nehmen wir aber die Zahlen aus Wiesbaden ganz einfach als das, was sie sind: gute Nachrichten.

Autor: Sebastian Franke