Das neue Normal der Unsicherheit

Chart of the Week

Ein Jahr nach Trumps Amtsantritt zeigt sich ein paradoxes Bild: Während die geopolitischen Risiken weiter eskalieren, bleiben Makro und Märkte bemerkenswert widerstandsfähig. Doch die jüngsten Spannungen rund um Grönland machen deutlich, wie fragil diese Gelassenheit sein könnte. Auch 2026 bleibt die transatlantische Beziehung der zentrale Stresstest für die große Entkopplung.

Ein Jahr Unsicherheit

Seit dieser Woche ist US‑Präsident Donald Trump ein Jahr im Amt – ein Jahr, das sich als Phase großer Unsicherheit, aber ebenso großer Entkopplung beschreiben lässt. Trotz Zollstreit, wiederholten Attacken auf die Unabhängigkeit der US‑Notenbank und Zweifeln an der sicherheitspolitischen Verlässlichkeit der USA fällt das Fazit zum Jahresende überraschend positiv aus: Die deutsche Wirtschaft ist ersten Schätzungen zufolge leicht gewachsen und die Finanzmärkte beendeten 2025 auf neuen Höchstständen.

Wer sich nach diesem versöhnlichen Abschluss ein ruhigeres 2026 erhofft hatte, wurde allerdings schnell enttäuscht. Kaum drei Tage alt war das neue Jahr, da sorgte Präsident Trump bereits für neue Unsicherheiten: der Einmarsch in Venezuela, neue Attacken auf die Fed und offene Drohungen gegenüber einem NATO‑Partner. In diesem Kontext bekräftigte er seinen seit 2019 erhobenen Anspruch auf Grönland – für die nationale und, wie er während seiner Rede während des Weltwirtschaftsforums in Davos betonte, „auch internationale Sicherheit“.

Von wirtschaftlicher Logik zu politischer Motivation

Neu war der Anspruch nicht. Neu war jedoch die Reaktion auf eine Militärübung von acht NATO‑Staaten auf der arktischen Insel Mitte Januar: Trump kündigte neue Zölle an. Für Güter aus Deutschland, Dänemark, Norwegen, Finnland, Schweden, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden sollten ab dem 1. Februar zusätzliche Zölle von 10 Prozent gelten. Ohne Einigung in der Diskussion rund um Grönland hätte der Satz zum 1. Juni auf 25 Prozent steigen sollen.

Erinnerungen an den vergangenen April wurden wach, als Trump am selbsternannten „Liberation Day“ das große Zollchaos einläutete. Trumps favorisiertes „Deal-making-Instrument“, welches damals noch einer, wenn auch streitbaren, wirtschaftlichen Logik folgte, scheint nun auch für politisch motivierte Ziele zum Einsatz zu kommen. Und hier war sie – die Angst vorm ersten Handelstag nach der Ankündigung.

Untertägige Entwicklung des DAX-Index

(Index, Eröffnungskurs am Handelstag vor dem Ereignis = 100; t = erster Handelstag nach Ereignis)

Der Chart zeigt die Untertägige Entwicklung des DAX-Index.
Quelle: LSEG Datastream; ING

Die Zolldrohung erfolgte an einem Samstag – der Montag versprach also Spannung, auch wenn die Börsen in den USA an diesem Tag geschlossen waren. Die Europäischen Börsen zeigten jedoch eine Marktreaktion. Aber wie unser Chart of the week zeigt, fiel sie deutlich milder aus als im April. Trotz des Rückschlags lag der deutsche Leitindex noch immer oberhalb des Niveaus, mit dem er das Parkett in diesem Jahr eröffnet hatte.

Man gewöhnt sich an vieles…

Auch hier zeigt sich die anhaltende große Entkopplung – und dafür gibt es verschiedene Gründe. Auf der einen Seite sind die Treiber an den Märkten vielfältig – die Erwartung an einen wirtschaftlichen Aufschwung, wenn auch erst einmal zyklischer Natur, schlägt sich auch in der Finanzmarktstimmung wieder. 

Zum anderen ist es gut möglich, dass die Märkte mittlerweile etwas abgestumpft sind, was Drohungen aus dem Weißen Haus angeht. In der Vergangenheit wurden nicht alle Drohungen wahrgemacht, andere wurden kurz nach in Kraft treten doch wieder rückgängig gemacht. Die Devise lautet daher zunehmend: abwarten statt überreagieren.

Tatsächlich gab es in diesem Fall, zumindest für den Moment, am Mittwochabend Grund zum Aufatmen. Nach einem Gespräch mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte gab Trump bekannt, dass er die Zolldrohung gegen die acht europäischen Staaten zurücknähme. Im Gegenzug sollen die USA unter anderem Mitspracherecht bei Investitionen auf Grönland bekommen und die europäischen NATO-Staaten sollen sich zu einem stärkeren Engagement in der gesamten Arktis verpflichten.

…aber das neue Normal sollte nicht zur Normalität werden

Alles nochmal gut gegangen, oder? Naja, mehr oder weniger. Zwar ist die Zolldrohung für den Moment vom Tisch, doch ganz darauf verlassen, dass da nicht noch einmal etwas kommt, können wir uns nicht. Zudem ändert die Rücknahme der Drohung nichts daran, dass die transatlantischen Beziehungen in den vergangenen Wochen für politische Ziele auf eine harte Probe gestellt wurden. Und so stellt sich erneut die Frage: Wie belastbar ist die viel zitierte Entkopplung wirklich?

Und kann sie 2026 weiter bestehen? Im Moment sieht es so aus: Die Märkte blenden Unsicherheit aus, Makroindikatoren stabilisieren sich. Langfristig allerdings ist es unwahrscheinlich, dass geopolitische Risiken ohne Folgen bleiben. Ebenso gilt: Sollte die Unsicherheit nachhaltig abflauen, dürfte das die positive Marktstimmung fundamental untermauern.

 

 

Rechtlicher Hinweis: Die dargestellten Informationen richten sich ausschließlich an natürliche Personen mit dauerhaftem Wohnsitz und Aufenthalt in Deutschland und stellen keine Anlageberatung oder ein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren oder sonstigen Finanzinstrumenten dar. Sie dienen ausschließlich zu Informationszwecken. 

Autor: Franziska Biehl