Der Welthandel tritt auf die Bremse
Chart of the Week
Manchmal braucht es nicht viel mehr als ein paar Balken, um eine ganze Geschichte zu erzählen. Beim Blick auf den Welthandel lohnt es sich jedoch, ein paar Worte mehr zu verlieren. Denn hinter diesem Chart verbirgt sich ein grundlegender Wandel, der sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. Die zentrale Botschaft ist klar: Der Welthandel verliert spürbar an Schwung. Ein kurzer Blick in die jüngere Vergangenheit hilft, diese Entwicklung einzuordnen.
Vom Globalisierungsrausch zur Realität
In den 1990er Jahren sahen wir eine Welt im Globalisierungsrausch. Viele Firmen verlagerten ihre Produktion ins Ausland und Lieferketten spannten sich plötzlich über viele Kontinente. In dieser Zeit wuchs der Welthandel im Schnitt jährlich um 5,8 Prozent und damit deutlich schneller als das globale Bruttoinlandsprodukt mit durchschnittlich 3,8 Prozent pro Jahr. Der Welthandel war in dieser Zeit nicht nur Begleiter, sondern einer der zentralen Motoren der weltweiten Konjunktur.
Dieses Tempo konnte allerdings nicht nachhaltig gehalten werden. Wie unser Chart der Woche zeigt, war das Bild nach der Finanzkrise 2008 bereits ein ganz anderes: Der Welthandel stieg plötzlich nicht mehr im selben Maße an wie das globale Wirtschaftswachstum – der Motor geriet ins Stottern. Die Gründe dafür waren vielfältig: mehr Handelskonflikte, strengere Regulierung und Unternehmen wurden vorsichtiger, wenn es um Produktion im Ausland ging. In der Folge sank das durchschnittliche jährliche Wachstum des Welthandels in den Jahren nach der Finanzkrise auf 2,1 Prozent.
Der Welthandel hinkt dem BIP bereits seit längerer Zeit hinterher
Wachstum des Welthandelsvolumens und des globalen BIP pro Jahr
Wenn die Grenzen der Globalisierung sichtbar werden
Die Phase seit 2020 markiert schließlich einen weiteren Einschnitt. Pandemiebedingte Lieferkettenunterbrechungen, Kriege, Sanktionen und zunehmende geopolitische Spannungen machten deutlich, wie anfällig die stark vernetzten Handelsstrukturen sind, die insbesondere in den 1990er Jahren entstanden sind. Plötzlich war es nicht mehr selbstverständlich, dass Waren jederzeit und überall verfügbar sind – regionale Abhängigkeiten traten klarer zutage als je zuvor.
Viele Unternehmen reagierten, indem sie ihre Lieferketten breiter aufstellten, Lagerbestände erhöhten oder Produktionsschritte wieder näher an den Heimatmarkt verlagerten. Effizienz trat zunehmend hinter Stabilität und Sicherheit zurück. Das zeigt sich auch in den Zahlen: Das durchschnittliche Wachstum des Welthandels sank weiter und lag zuletzt nur noch bei rund 1,9 Prozent. Zwar verlangsamte sich auch das globale BIP‑Wachstum, doch mit etwa 3 Prozent pro Jahr blieb es deutlich robuster als der Handel.
2025 kamen dann weitere Erschütterungen hinzu. Als Donald Trump im April neue Zölle ankündigte, sorgte das weltweit für Unruhe. Eine Krise des Welthandels hat sich dennoch nicht manifestiert. Das überraschend starke Wachstum im Jahr 2025 – voraussichtlich 4,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – zeigt, dass der globale Handel durchaus resilient ist und auch unter schwierigen Bedingungen funktionieren kann. Dieses Plus war allerdings stark durch die Vorzieheffekte im ersten und zweiten Quartal geprägt, da die Angst vor höheren Preisen viele Unternehmen in den USA dazu brachte, Bestellungen vorzuziehen. Zudem gab es starke Wachstumsimpulse aus Asien, wo der Handel innerhalb der Region kräftig zulegte und neben China auch andere Länder wie Vietnam und Südkorea ihre Bedeutung im weltweiten Handel weiter ausbauen konnten.
Positive Impulse – aber mit Verzögerung
Gleichzeitig gibt es auch wieder positive Signale. Die kürzlich geschlossenen Handelsabkommen der EU – etwa mit den Mercosur‑Staaten oder Indien – zeigen, dass sich global durchaus neue Handelskorridore öffnen können. Insbesondere das EU‑Indien‑Abkommen hat das Potenzial, langfristig neue Wachstumsimpulse zu setzen und bestehende Abhängigkeiten zu reduzieren.
Die mit diesen Abkommen verbundenen Zollsenkungen schaffen neue Anreize im Export wie im Import und eröffnen Märkte, die bislang nur begrenzt genutzt wurden. Kurzfristig sollten diese Effekte jedoch nicht überschätzt werden. Ratifizierungsprozesse, schrittweise Zollreduktionen und tatsächlicher Marktzugang benötigen Zeit. Zudem sind Handelsabkommen politisch oft langwierig und komplex. Für 2026 bleibt der direkte Einfluss deshalb begrenzt. Symbolisch sind diese Abkommen jedoch von großer Bedeutung: Sie setzen ein deutliches Zeichen gegen die weltweit zunehmenden protektionistischen Tendenzen.
Der Welthandel bremst – aber er bleibt robust
Der Welthandel ist im Wandel. Was wir dabei beobachten, ist allerdings weniger eine Vollbremsung als vielmehr ein struktureller Wandel. Der Handel wächst langsamer, aber er passt sich an – durch diversifiziertere Lieferketten, neue regionale Schwerpunkte und politische Initiativen, die langfristig neue Spielräume schaffen können. Die Handelswelt von heute ist eine andere als früher, aber nicht zwingend eine schlechtere. Sie ist vorsichtiger, robuster und besser darauf vorbereitet, eine Ära zu meistern, in der Unsicherheit zum Normalzustand geworden ist.