Mit Kamelle gegen die Krise
Chart of the Week
Seit 2020 steckt Deutschland in einer wirtschaftlichen Ausnahmesituation. Auf die Corona‑Pandemie folgten der Krieg in der Ukraine, Energiepreisschocks und geopolitische Verwerfungen, die die Wirtschaftsleistung deutlich belastet haben. Wie stark genau, zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Demnach beläuft sich der kumulierte Wertschöpfungsverlust seit 2020 auf rund eine Billion Euro, was mehr als 20.000 Euro je Erwerbstätigem entspricht.
Die Analyse des IW zeigt zudem, dass sich die Verluste über die sechs Krisenjahre hinweg nicht gleichmäßig verteilt haben, sondern im Zeitverlauf sogar zugenommen haben. Nach dem pandemiebedingten Einbruch im Jahr 2020 und der teilweisen Erholung 2021 sorgten die geopolitischen Schocks ab 2022 erneut für Belastungen. Allein 2025 lag der Wertschöpfungsverlust bei rund 235 Milliarden Euro – dem höchsten Wert im gesamten Betrachtungszeitraum.
Zur Schätzung dieses Wertverlustes stellt das IW der tatsächlichen Entwicklung einen alternativen Verlauf gegenüber. In dieser hypothetischen Realität hätte es weder die Corona‑Pandemie noch den Krieg in der Ukraine mit seinem Energieschock oder die verunsichernde US‑Politik gegeben. Die deutsche Wirtschaft wäre in einem solchen Szenario dem zuvor erwarteten Wachstumspfad gefolgt. Vor dem überraschenden Ausbruch der Pandemie rechnete etwa der Sachverständigenrat für 2020 noch mit einem realen BIP‑Wachstum von rund 1,4 Prozent.
In der Realität lassen sich die Folgen dieser Krisen leider nicht einfach herausrechnen. Doch es gibt Momente, in denen die Menschen dem permanenten Krisenmodus für kurze Zeit entfliehen können. Einer dieser Momente ist der Karneval, der sich zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung auf seinem Höhepunkt befindet. Ökonomisch betrachtet wirkt er wie ein temporärer Krisenpuffer: Er bündelt Konsum, schafft Gemeinschaft und ermöglicht mit seinem närrischen Treiben für einige Tage eine Atempause inmitten anhaltender Unsicherheit.
Zwar können die Umsätze der Karnevalsbranche den enormen Wertschöpfungsverlust der vergangenen Jahre bei Weitem nicht kompensieren – wie unser Chart of the Week deutlich macht. Dennoch ist der Karneval, wie eine weitere IW-Studie zeigt, mit einem geschätzten Umsatz von rund 2 Milliarden Euro in der Saison 2025/2026 ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor. Er verdeutlicht, dass selbst in schwierigen Zeiten bestimmte gesellschaftliche Rituale eine bemerkenswerte ökonomische Widerstandskraft entfalten und die Wirtschaft lokal spürbar beleben können. Besonders deutlich wird dies in Köln, wo allein dieses Jahr rund 850 Millionen Euro Umsatz erwartet werden.
Umsatz im Karneval gegen Krisenkosten
in Milliarden Euro
Insgesamt entfällt der größte Anteil des Umsatzes mit Abstand auf die Gastronomie, die in der aktuellen Kampagne rund 900 Millionen Euro erwirtschaften soll. Dahinter folgen Einzelhandel und Transport mit 400 bzw. 286 Millionen Euro. Auch im Hotelgewerbe zeigen sich deutliche Effekte. So kann eine Übernachtung in der Karnevalshochburg Köln bis zu 88 Euro teurer sein als außerhalb der Karnevalssaison, was einem Aufschlag von etwa 66 Prozent entspricht. Dementsprechend hoch sind die erzielten Umsätze: dieses Jahr dürften sie bei rund 210 Millionen Euro liegen und damit aufgrund der kürzeren Kampagne etwas niedriger als im letzten Jahr.
Wenn auch die Probleme der deutschen Wirtschaft über das Wochenende in den Köpfen vieler Karnevalisten kurzzeitig verblassen, bleiben die strukturellen Herausforderungen dennoch bestehen. Auch in diesem Jahr werden weitere Reformen und Anstrengungen nötig sein, um die Bundesrepublik wieder auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zu führen. Doch zumindest in den Karnevalshochburgen Köln, Düsseldorf und Mainz wird bis Aschermittwoch gewiss keine weitreichende Entscheidung getroffen – außer vielleicht die Wahl des Kostüms.