Die Stunden-Debatte braucht mehr Zukunftsdenken
Chart of the Week
Deutschland hat in den vergangenen Jahren nicht nur wachstumstechnisch stagniert, auch echtes Produktivitätswachstum ist ausgeblieben. Und das soll sich ändern – aktuell soll dazu vor allem an der Arbeitszeit gedreht werden. Doch wie viel Produktivität kann Arbeitszeit wirklich?
Produktive Schwäche, schwächelnder Wohlstand
2026 soll das Jahr der Reformen werden – neben einer zyklischen Erholung der deutschen Wirtschaft soll so der Weg für langfristiges und nachhaltiges Wachstum und für die Rückkehr zu mehr Wettbewerbsfähigkeit geebnet werden. Und zu mehr Produktivität. Denn Deutschland litt in den vergangenen Jahren nicht nur an einer chronischen Wachstumsschwäche, auch das Produktivitätswachstum hat zunehmend an Dynamik verloren.
Während das reale Bruttoinlandsprodukt pro geleistete Arbeitsstunde in Deutschland zwischen 1996 und 2005 noch um durchschnittlich 1,6 Prozent pro Jahr zugelegt hatte, wuchs die Arbeitsproduktivität zwischen 2006 und 2016 nur noch um durchschnittlich 0,7 Prozent pro Jahr. Zwischen 2017 und 2024 verlangsamte sich das Produktivitätswachstum weiter und war in den Jahren 2022, 2023 und 2024 sogar negativ. Sprich: der Output pro Arbeitsstunde ging zurück. Langfristig bedeutet weniger Produktivitätswachstum auch weniger Wohlstand – denn Produktivitätswachstum ist der Motor für steigende Löhne und Unternehmensgewinne.
Die Zeit heilt alle Wunden – oder doch eher KI?
Eine zentrale Rolle in der Debatte darum, wie Produktivität gesteigert werden soll, spielte zuletzt die Arbeitszeit. Tatsächlich lag die durchschnittliche Anzahl an geleisteten Arbeitsstunden in Deutschland im Jahr 2024 so niedrig wie in keinem anderen Eurozone-Land. Allerdings gibt es bei der aktuellen politischen Diskussion zu Arbeitszeit und Produktivität ein großes Missverständnis: mehr zu arbeiten erhöht zwar die Wirtschaftsleistung, aber nur in den allerseltensten Fällen auch die Produktivität. Im dritten Quartal lag die durchschnittliche geleistete Wochenarbeitszeit einer in Vollzeit beschäftigten Person bei 39 Stunden. Angenommen, unser fiktiver Arbeitnehmer ist Bäcker und produziert pro Arbeitsstunde zwei Brote. Würde er eine Stunde zusätzlich arbeiten, würde er auch in dieser höchstwahrscheinlich nicht mehr als zwei Brote produzieren. Die Arbeitszeit wäre also gestiegen, die Produktivität hingegen hätte stagniert. Und wenn unser Beispielbäcker aus irgendwelchen Gründen in der zusätzlichen Stunde nur ein weiteres Brot gebacken hätte, wäre seine Produktivität sogar gesunken, obwohl er insgesamt mehr Brote erzeugt hätte.
Auch unser Chart of the Week zeigt, dass mehr Arbeitszeit nicht zwangsläufig mit höherer Produktivität einhergeht. Tatsächlich scheint zwischen den beiden Größen vielmehr ein negativer Zusammenhang zu bestehen – je höher die Anzahl an geleisteten Arbeitsstunden pro Jahr, desto niedriger fällt das BIP pro geleistete Arbeitsstunde aus.
Der wahre Produktivitätsbooster
Das fehlende Produktivitätswachstum verlangt eine völlig andere Debatte – die um mehr Investitionen in neue Technologien und Innovation. Denn zwischen der Produktivität und dem Anteil an Einzelpersonen innerhalb eines Landes, die generative Künstliche Intelligenz zu beruflichen Zwecken nutzen, scheint ein positiver Zusammenhang zu bestehen. Am größten war dieser Anteil 2025 in den Niederlanden, wo mehr als jeder Vierte im Beruf auf generative KI zurückgriff. Auch was die Produktivität angeht, liegen die Niederlande im Eurozone-Vergleich recht gut und verfehlen nur knapp die Top 5. In denen landet übrigens Deutschland gerade noch so, trotz vergleichsweisen geringen Einsatzes von KI.
Der positive Zusammenhang zwischen Produktivität und neuen Technologien könnte auch erklären, weshalb die USA in den vergangenen Jahren das durchschnittliche Produktivitätswachstum pro Jahr wieder gesteigert haben. Was den Einsatz und die Forschung zu KI betrifft, ist man auf der anderen Seite des großen Teichs doch deutlich weiter als hierzulande.
Es braucht mehr für mehr Produktivität
Natürlich gibt es aber auch Reformbaustellen am Arbeitsmarkt selbst. So wird beispielsweise aktuell das Thema Teilzeitarbeit diskutiert. In Deutschland arbeiteten im dritten Quartal 2025 rund 30 Prozent aller Beschäftigten insgesamt in Teilzeit, unter den Frauen war es fast jede zweite. Jede vierte teilzeitbeschäftigte Person gibt als Hauptgrund für die Teilzeitarbeit die Betreuung von Kindern oder Erwachsenen an. Weitere 36 Prozent sind den Ergebnissen der Labour Force Survey Eurostats aufgrund von Aus- oder Weiterbildung, Krankheit oder anderen familiären und persönlichen Gründen bzw. der Tatsache, keine Vollzeitstelle gefunden zu haben, in Teilzeit.
Für einen Großteil der Teilzeitbeschäftigten muss die Arbeit in Vollzeit also primär überhaupt ermöglicht werden – sprich: wer Produktivität steigern möchte, muss deshalb nicht nur über Stunden reden, sondern über Strukturen. Und über Reformen. Für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber auch über Arbeitsplatzautomatisierung und Weiterbildung.
Der Schlüssel für die Rückkehr zur mehr Produktivitätswachstum und Wohlstand liegt nicht (allein) in der Arbeitszeit – so richtig produktiv wird es, wenn auch die Zukunftstechnologien eine Rolle spielen.