Krieg in Iran - Preisschock ohne Neuauflage der Lebenshaltungskostenkrise

Chart of the Week

In Iran herrscht Krieg – eine humanitäre Katastrophe, deren Auswirkungen weit über die Region hinausreichen. Neben dem unermesslichen menschlichen Leid hat die Eskalation auch wirtschaftliche Folgen: Energiepreise reagieren spürbar, wie der Blick auf die Preise an den Tankstellen leicht sichtbar macht. Auch wenn hier schlechte Erinnerungen wach werden – auf eine Lebenshaltungskostenkrise 2.0 müssen wir uns dennoch nicht einstellen.

Krieg in Iran – was ist passiert?

Der Konflikt zwischen Israel, den USA und Iran ist nicht neu – seit Jahrzehnten flammt er immer wieder auf, zuletzt im Sommer 2025, als ein kurzer, aber intensiver Krieg nach zwölf Tagen mit einer Waffenruhe endete.

Seit Beginn des Jahres 2026 spitzte sich die politische Situation innerhalb Irans zu. Bei Demonstrationen gegen das Regime kamen zahlreiche Menschen ums Leben. Parallel dazu wurden außenpolitische Beziehungen durch das iranische Atomprogramm weiter belastet. Iran verfügt über umfangreiche Uranbestände; der Grad der Anreicherung und die Gesamtmenge gelten jedoch als unklar, was in den USA Befürchtungen hinsichtlich einer möglichen Entwicklung von Atomwaffen verstärkte.

Während in Genf mehrere indirekte Gesprächsrunden zwischen den USA, Iran und Oman als Mediator stattfanden, drohte Präsident Trump mehrfach damit, militärische Maßnahmen gegen Iran zu ergreifen, sollte es zu keiner Einigung kommen. Und während von Mediatorseite am Freitagabend ein vorsichtig optimistisches Fazit zur dritten Gesprächsrunde gezogen wurde, war die Wahrnehmung in den USA offensichtlich eine andere. Denn am Samstagmorgen kam es zum gemeinsamen Angriff von Israel und den USA auf Iran.

Wie reagieren die Märkte?

Die initialen Marktreaktionen entsprachen zunächst dem bekannten Muster geopolitischer Schocks – die Nachfrage nach sogenannten „sicheren Häfen“, zum Beispiel Gold oder deutschen 10-jährigen Staatsanleihen, stieg, der Dollar wertete auf (so viel an dieser Stelle zu „Sell America“) und die Aktienmärkte gaben nach. Gleichzeitig stiegen die Energiepreise deutlich. Während ein Barrel Rohöl zur Wochenmitte rund 80 US-Dollar kostete, lag die Megawattstunde Gas bei rund 50 Euro. Damit lag Öl rund 10 Prozent höher als am Freitag, während der Gaspreis um mehr als 50 Prozent gestiegen war. Denn nicht nur wurden aufgrund iranischer Vergeltungsschläge Öl- und Gasförderstätten innerhalb der Region geschlossen, auch der Schiffsverkehr über die Straße von Hormuz, über welche 20 Prozent der globalen Öl- und Gasexporte abgewickelt werden, ist eingeschränkt. Somit reagierten die Energiemärkte in den ersten Tagen nach dem Ereignis mit ähnlich starken Preisanstiegen wie initial nach dem russischen Angriff auf die Ukraine – allerdings von deutlich niedrigeren Ausgangsniveaus.

Und wie unser Chart of the Week zeigt, dürfte die kollektive Erinnerung an die wirtschaftlichen Auswirkungen der Energiekrise durch den Blick auf die Tankstellentafeln noch verstärkt worden sein.

Durchschnittliche jährliche Ausgaben für Kraftstoff

(in €)

Der Chart zeigt die durchschnittlichen jährlichen Ausgaben für Kraftstoff in Euro.
Quelle: : ADAC; Fleetcor; Kraftfahrtbundesamt; *unter der Annahme, dass der Preis vom 05.03.2026 für den Rest des Jahres unverändert bleibt

Denn nicht nur die Öl- und Gaspreise stiegen zu Beginn der Woche deutlich an – auch an der Tankstelle wurde es sichtlich teurer. Zwar trägt zum generellen Preisanstieg gegenüber dem Vorjahr auch die seit Anfang 2026 geltende höhere CO2-Steuer bei, doch vor allem ist Rohöl die Hauptkomponente in der Benzinherstellung. Während die durchschnittlichen Preise für Super E-10 und Diesel am Freitag der vergangenen Woche noch bei 1,74 € und 1,73 € lagen, waren die Preise bis Donnerstag auf 1,88 € und 2,04 € geklettert. Unter der Annahme, dass diese Preise für den Rest des Jahres unverändert bleiben und die durchschnittliche Fahrleistung konstant bleibt – bei rund 10.000 Kilometern pro Jahr für Benziner und 17.000 Kilometern für Diesel – würden die jährlichen Kraftstoffausgaben für Super-Benzin nahezu wieder das Niveau von 2022 erreichen, während die für Diesel sogar höher liegen würden.

Was heißt das für Haushalte und Wirtschaft?

Damit kehrten schließlich die Inflationssorgen an die Märkte zurück – zwar können Energiepreisschocks in ihrer Wirkung auf die Gesamtwirtschaft sogar deflationär sein, da sie Konsum und Produktion dämpfen, doch mit Blick auf die Erinnerung an die Auswirkungen des Energiepreisanstiegs im Jahr 2022 dürfte sich auch bei der EZB keiner trauen, diesen Gedanken laut auszusprechen. Dementsprechend preisten die Finanzmarktteilnehmer alle zuvor erwarteten Zinssenkungen aus und begannen, erneute Zinserhöhungen einzupreisen.

Wie sich die jüngsten Anstiege in den Energiepreisen auf die Inflation niederschlagen werden, hängt stark davon ab, wie lange sie anhalten werden. Und ob es zu nachhaltigen Einschränkungen in der Straße von Hormuz kommen wird. Letzteres dürfte unwahrscheinlich sein, denn auch Teherans eigene Ölexporte nach China sind auf diesen Seeweg angewiesen. Doch auch im weniger schlimmen Szenario könnte der Ölpreis auf um die 100 Dollar pro Barrel ansteigen – würde er dort über mehrere Monate verharren, könnte das die Inflation bis zum Sommer auf um die 5 Prozent treiben. Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir allerdings weiterhin davon aus, dass die EZB die Zinsen unverändert lassen wird – aktuell wirkt das Zinsniveau, im Gegensatz zu 2022, weder akkommodativ noch restriktiv. Um eine Zinserhöhung zu rechtfertigen, müsste sich die Eurozone-Wirtschaft schon sehr resilient halten.

Und auch wenn es entscheidende Unterschiede zur Situation von vor vier Jahren gibt, vor allem den, dass Europa nicht von einem einzigen Hauptenergielieferanten diversifizieren muss, wirtschaftlich betrachtet kommt der Energiepreisanstieg zur Unzeit. Denn Deutschlands vorsichtige wirtschaftliche Erholung fing gerade erst an. Und anhaltend hohe Energiepreise oder eventuelle Knappheiten, vor allem im kommenden Winter, treffen sowohl die Industrie als auch die Kaufkraft der Haushalte.

Eine Wiederholung der Lebenshaltungskostenkrise der Jahre 2022/2023 droht uns Stand jetzt allerdings nicht. Der Weg von den Rohstoffmärkten an die Tankstelle ist kurz – und höhere Preise an der Zapfsäule sind unmittelbar sicht- und spürbar. Bis ein Preisanstieg an den Energiemärkten in die Industrie und damit in das breite Güter- und Dienstleistungsangebot durchschlägt, dauert es hingegen länger. Und aktuell besteht Hoffnung, dass dieses „länger“ länger ist, als die schreckliche Lage im Nahen Osten auf dem aktuellen Niveau bestehen bleiben wird.

Autor: Franziska Biehl