Schwer ersetzbar: Europas unterschätzter Hebel

Chart of the Week

Diskussionen über transatlantische Abhängigkeiten kreisen häufig um die Größe des US Marktes. Doch wirtschaftliche Verhandlungsmacht entsteht nicht durch Volumen, sondern durch die Ersetzbarkeit von Schlüsselprodukten. Und Europa spielt im globalen Handel eine weit größere Rolle, als die aktuelle politische Debatte vermuten lässt. Bei näherem Hinsehen lässt sich erkennen, dass die Kräfteverhältnisse zwischen den USA und der EU nicht so einseitig sind, wie oft dargestellt.

Die ökonomischen Verflechtungen zwischen den USA und der EU sind eng: 2025 war die EU der größte ausländische Lieferant der USA, verantwortlich für 19 Prozent aller US-Importe. Umgekehrt machten US-Lieferungen rund 14 Prozent der Importe aus Nicht-EU-Ländern aus. Inwiefern ein Land gegenüber einem anderen in Bezug auf Verhandlungsmacht überlegen ist, lässt sich jedoch an den Handelsströmen allein nicht erkennen. Relevant ist vielmehr, ob und wie leicht kritische Güter ersetzt werden können. Sprich, wie viele alternative Lieferanten gibt es für ein Produkt und kann ein Land auf andere Quellen ausweichen oder es sogar selbst produzieren. 

Außerdem spielt eine entscheidende Rolle, wie strategisch wichtig das jeweilige Gut ist. Je weniger Alternativen bestehen und je relevanter das Gut für kritische Sektoren, desto größer das wirtschaftliche Risiko, das bei Lieferunterbrechungen entsteht, und desto höher die potenzielle Verhandlungsmacht des Exporteurs. Strategisch wichtige Sektoren sind nach unserer Definition Chemie, Pharma, Stahl, Verteidigung, Transport und Elektronik.

Gerade in diesen Bereichen ist Europa ein unverzichtbarer Akteur. Komplexe Chemikalien, patentgeschützte Arzneimittel oder hochspezialisierte Maschinen lassen sich nicht einfach über Nacht ersetzen. Entsprechend lohnt sich ein genauer Blick darauf, wo andere große Volkswirtschaften auf EU‑Lieferungen angewiesen sind. 

Importabhängigkeiten von der EU nach Ländern

Anzahl der Produktlinien

Der Chart zeigt die Anzahl der Produktlinien, bei denen die USA, Japan und China von EU Importen abhängig sind.
Quelle: CEPII BACI, ING Economic Research Berechnungen

Unsere Analysen zeigten, dass die EU, die insgesamt Abhängigkeiten bei 129 strategisch relevanten Produktlinien hat, bei 17 davon von den USA abhängt. Im Falle der USA entfallen hingegen 36 der insgesamt 119 strategischen Abhängigkeiten auf EU-Produktlinien. Aus den drei größten EU‑Volkswirtschaften Deutschland, Frankreich und Italien, kommen dabei 22 der 36 Produktlinien, bei denen die USA von der EU abhängig ist. Deutschland allein liefert 13 dieser kritischen Produktlinien, vor allem in den Bereichen Chemie und Pharma. In diesen Sektoren bleibt Deutschland strukturell stark und ist global schwer zu ersetzen.

Diese Ergebnisse zeigen auch einen neuen Blickwinkel auf die laufende Diskussion über das EU‑US‑Handelsabkommen, dessen Ratifizierung nun wieder aufgenommen wurde. Der Handelsausschuss des Europäischen Parlaments hat das Abkommen für kommende Woche zur Abstimmung im Plenum freigegeben – trotz anhaltender Unsicherheit über die zukünftigen US-Zölle.

Zwar signalisiert Washington, den im vergangenen Sommer ausgehandelten 15‑Prozent‑Zolldeckel einhalten zu wollen, doch bleibt unklar, wie dies in der Praxis umgesetzt wird. Entsprechend haben EU‑Abgeordnete eine zentrale Bedingung eingefügt: Das Abkommen soll erst in Kraft treten, wenn die US‑Regierung eine verbindliche Garantie für diesen Deckel abgibt.

Und falls es zu weiteren Spannungen kommt, wird in der EU sicherlich erneut über das bislang ungenutzte „Anti‑Coercion Instrument (ACI)“ diskutiert. Das ACI, umgangssprachlich oft auch „Trade Bazooka“ genannt, würde Gegenmaßnahmen wie Exportbeschränkungen ermöglichen. Politisch ist das heikel: Frankreich drängt auf den Einsatz des Instruments, während Deutschland deutlich zurückhaltender ist. Denn deutsche Exporteure würden am stärksten unter den Folgen leiden. Aber: Mit gezielten Exportbeschränkungen für Chemikalien und Pharmazeutika könnte die EU die USA schmerzlicher treffen als mit Agrarprodukten.

Klar ist, dass bei einer erneuten Eskalation der Handelsspannungen beide Seiten einiges zu verlieren hätten. Denn auch wenn es der erste Blick nicht direkt hergibt, verfügt die EU über erhebliches wirtschaftliches Gewicht und handelspolitische Instrumente. Entscheidend wird sein, dieses Potenzial geschlossen und strategisch zu nutzen.

Autor: Julian Geib