Schnellschuss oder Wende?
Chart of the Week
Steht es doch gar nicht so schlecht um die deutsche Wirtschaft? Das könnte man denken angesichts einer Meldung, die das Statistische Bundesamt in der vergangenen Woche herausgab. Laut der ersten Schnellschätzung wuchs das Bruttoinlandsprodukt im 1. Quartal 2026 um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Eine bemerkenswert robuste Entwicklung angesichts der weiterhin widrigen Umstände, neben Exporten getrieben von privatem und staatlichem Konsum – letzteres klingt danach, als würden sich langsam die Effekte der neuen Ausgabenspielräume in den Bereichen Verteidigung und Infrastruktur zeigen.
Zwei Umstände lassen diesen Wert allerdings in einem etwas weniger rosigen Licht erscheinen. Zum einen wurde gleichzeitig auch eine Revision der BIP-Zahlen aus dem Vorjahr veröffentlicht. Während dabei die Werte der ersten drei Quartale – zumindest in der offiziellen Rundung auf eine Nachkommastelle – unangetastet blieben, musste das BIP-Wachstum des 4. Quartals von 0,3 auf 0,2 Prozent korrigiert werden. Damit sank auch der Gesamtwert für das Jahr 2025 von 0,4 auf 0,3 Prozent.
Das heißt nicht nur, dass die Wirtschaft im vergangenen Jahr weniger stark wuchs als bislang angenommen, sondern bedeutet auch, dass die nun für das 1. Quartal 2026 geschätzten 0,3 Prozent von einem niedrigeren Anfangswert ausgehend berechnet wurden. Hätten sich die bisher angenommen Werte für 2025 bestätigt, läge die aktuelle Schnellschätzung aller Wahrscheinlichkeit nach nur bei 0,2 Prozent. Eine ähnliche Situation beschreibt unser Chart of the Week vom 01.11.2024 noch etwas ausführlicher.
BIP-Wachstum seit dem 1. Quartal 2025
In Prozent im Vergleich zum Vorquartal, preis-, saison- und kalenderbereinigt
Zum anderen ist die jetzt veröffentlichte Schnellschätzung genau das, was ihr Name nahelegt – eben eine Schätzung auf der Grundlage der bislang vorliegenden Daten. Und zu denen gehören noch keine belastbaren Werte für den März.
März? Da war doch was? Richtig – in der Folge des israelisch-amerikanischen Angriffs auf Iran am 28. Februar war der März der erste Monat, in dem Unternehmen und Verbraucher mit einem erneuten Energiepreisschock zu kämpfen hatten. Dass ausgerechnet dieser Monat noch nicht mit harten Zahlen in die Schnellschätzung eingehen konnte, stimmt also wenig optimistisch für die die nach Vorliegen aller Daten anstehende Überarbeitung. Die inzwischen veröffentlichten schwachen Ergebnisse zur industriellen Produktion im März lassen eine Abwärtsrevision noch wahrscheinlicher wirken.
Und auch die weiteren Herausforderungen, denen sich die deutsche Wirtschaft gegenübersieht – zum Beispiel der Reformstau und die Frage nach der Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit – verlieren aufgrund eines guten Vierteljahrs nicht an Dringlichkeit. Dennoch könnten nunmehr zwei aufeinanderfolgende Quartale mit solidem Wachstum der Beginn einer neuerlichen Erfolgsgeschichte werden – sofern dem letztes Jahr neu geschaffenen fiskalischen Spielraum eine glaubwürdige Strategie zur Seite gestellt wird.