Ob „Deal“ oder „no Deal“ – die Energiepreisinflation zieht erste Kreise
Chart of the Week
Was ein bevorstehendes Friedensabkommen zwischen den USA und Iran betrifft, konnten die Schlagzeilen in dieser Woche wieder einmal nicht widersprüchlicher sein. Die Märkte bleiben allerdings bei ihrem sehr selektiven Blick auf die Dinge und sehen vor allem das Positive. Dadurch gingen in den letzten Tagen die Inflationssorgen zurück und die Zinserhöhungserwartungen sanken. Dabei würde selbst ein sofortiges Ende des Konflikts den Inflationsdruck nicht einfach verschwinden lassen.
Marktoptimismus trotz geopolitischer Irritation
Nach wie vor bleibt der Krieg im Nahen Osten das bestimmende Thema an den Märkten. Jeder Kommentar, der auf ein baldiges Ende des Kriegs und, damit verbunden, eine rasche Öffnung der Straße von Hormus hindeutet, führt zu Euphorie. Gegenteilige Nachrichten hingegen schüren die Inflationsängste und befeuern die Zinserhöhungserwartungen. Und so groß wie die Irritation darüber, wie wahrscheinlich ein Abkommen zwischen den USA und Iran nun wirklich ist, so groß waren auch die Schwankungen an den Kapitalmärkten seit Anfang März.
Und auch diese Woche war wieder ein echtes Auf und Ab was die Aussichten auf ein mögliches Ende des Kriegs im Nahen Osten betrifft. Nachdem US-Präsident Donald Trump am vergangenen Wochenende erklärt hatte, dass ein Abkommen mit Iran unmittelbar bevorstünde, preisten die Wettmärkte ein Abkommen bis Ende des Monats mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 70 Prozent ein. Kurz zuvor hatte die erwartete Wahrscheinlichkeit bei nur etwas mehr als 10 Prozent gelegen. Nur einen Tag später gab es erneute Angriffe der USA auf Iran. Ein Abkommen bis Ende Mai hat an den Wettmärkten nun wieder eine Wahrscheinlichkeit von nur rund 10 Prozent.
An den Finanzmärkten scheint allerdings trotz dieser anhaltenden Unvorhersehbarkeit der Optimismus zu dominieren. In Erwartung an eine baldige Öffnung der Straße von Hormus fiel der Ölpreis auf unter 100 USD pro Barrel. Das wiederum half, die Inflationssorgen einzufangen und die Zinserhöhungserwartungen zu senken. Die Rendite der deutschen 10-jährigen Staatsanleihe fiel auf den niedrigsten Wert seit Anfang April und die Finanzmarktteilnehmer reduzierten die geldpolitischen Erwartungen von drei auf zwei Zinserhöhungen bis Ende des Jahres.
Damit haben sich die Kapitalmärkte zwar unserer Sicht der Dinge leicht angenähert, doch darf dabei nicht vergessen werden, dass selbst ein unmittelbares Ende des Kriegs im Nahen Osten bzw. eine sofortige Öffnung der Straße von Hormus nicht ein ebenso schnelles Ende des Inflationsdrucks bedeuten würde. Unser Chart of the Week zeigt, dass die Energiepreisinflation bereits begonnen hat, sich auf andere Bereiche auszubreiten.
Verkaufspreiserwartungen in der Industrie und im Dienstleistungssektor
(Nettosaldo, Top 3 Bereiche und Gesamtwerte)
In der Industrie gaben im Mai zwar weniger Unternehmen als im April, aber immer noch so viele wie zuletzt im Januar 2023 an, die Verkaufspreise in den kommenden Monaten erhöhen zu wollen. Im Dienstleistungssektor war der Anstieg seit Jahresbeginn insgesamt verhaltener, dennoch kletterten die Verkaufspreiserwartungen zuletzt auf die höchsten Werte seit mehr als einem Jahr. Und unter der Oberfläche zeigen sich jeweils deutliche Unterschiede. Vor allem Unternehmen, die direkt von den gestiegenen Energiekosten betroffen sind, planen Preiserhöhungen. Im Dienstleistungsbereich sind das vor allem Transport- und Reiseunternehmen. In der Industrie sind es jene Unternehmen, die besonders energieintensiv arbeiten. Produzenten von raffinierten Erdölprodukten, doch auch von Textilien oder Maschinen. Ob die Unternehmen ihre Preiserhöhungen allerdings auch durchsetzen können, steht auf einem ganz anderen Stern.
Erstrundeneffekte der Energiepreisinflation sind bereits sichtbar
Trotzdem steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich im Laufe des Sommers Erstrundeneffekte der Energiepreisinflation in der allgemeinen Teuerung bemerkbar machen. Und zwar unabhängig davon, wie schnell der Konflikt im Nahen Osten beendet wird. Selbst bei einer raschen Öffnung der Straße von Hormus dürfte es dauern, bis sich Lieferketten sowie das Angebot von Öl normalisieren. Beschädigte Infrastruktur und reduzierte Förderkapazitäten sprechen gegen eine schnelle Rückkehr zum Vorkriegsniveau. Dementsprechend ist nicht davon auszugehen, dass der Ölpreis in absehbarer Zukunft auf das Vorkriegsniveau zurückfällt. Was für Unternehmen anhaltenden Kostendruck bedeutet.
Auch die Erzeugerpreisinflation für April legt nahe, dass gewisse Erstrundeneffekte bereits durchschlagen. Vorleistungsgüter kosteten im April 2,6 Prozent mehr als im gleichen Monat des Vorjahres. Ein weiteres Signal dafür, dass sich die Kostensteigerungen entlang der Wertschöpfungsketten fortsetzen. Doch dass es Erstrundeneffekte gibt, heißt noch lange nicht, dass sich auch Zweitrundeneffekte bemerkbar machen werden. Zweistellige Inflationsraten wie im Jahr 2022 bleiben unwahrscheinlich.
Und das spielt auch für die nächsten geldpolitischen Schritte der EZB eine entscheidende Rolle. Wir wissen zwar nicht, wie die Welt aussieht, in der sie sich in gut zwei Wochen trifft, um über die Leitzinsen zu entscheiden. Die jüngsten Kommentare der EZB-Prominenz erzählen aber eine ähnliche Geschichte wie unser Chart of the Week – Erstrundeneffekte sind bereits sichtbar, eine Zinserhöhung im Juni immer wahrscheinlicher.
Kommt es zu einer schnellen Einigung zwischen den USA und Iran und wird die Straße von Hormus schnell wieder geöffnet, dürfte das für die Juni-Entscheidung vermutlich keinen Effekt haben. Der erste Inflationsdruck macht sich breit, und dem gilt es zu begegnen. Auch wenn man über die Wirksamkeit von Zinserhöhungen bei energiepreisgetriebener Inflation durchaus diskutieren kann. Ein länger andauernder Krieg hingegen könnte dann doch eher der Markterwartung von mehr als einem Zinsschritt in die Hände spielen.