Optimismus mit Lieferschwierigkeiten

Chart of the Week

Das Reformpaket der Bundesregierung bringt langfristige Chancen für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit und die Industrie hält sich im zweiten Quartal besser als erwartet – da macht das Ökonomenherz direkt einen aufgeregten Hüpfer. Ist das etwa dieser Optimismus, von dem immer alle sprechen?

Reformen als Hoffnungsschimmer und Wettbewerbsfähigkeit als Großbaustelle

Schon lange gab es nicht mehr so viele positive wirtschaftliche Nachrichten wie in den vergangenen zwei Wochen. Zunächst läutete die Bundesregierung mit der geplanten Rentenreform eine Welle von Veränderungen ein, die vergangene Woche mit der Vorstellung von 33 weiteren Reformplänen fortgesetzt wurde. Diese sind nicht nur mit Blick auf die Staatsfinanzen zu begrüßen, sondern könnten auch Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit stärken. Besonders vielversprechend wirken die Pläne zum Bürokratieabbau, zur Vereinfachung von Datenschutzvorgaben und zur Eindämmung der nationalen Übererfüllung von EU-Richtlinien.

Zugegeben: Die angekündigten Reformen werden kein Wirtschaftswunder 3.0 über Nacht auslösen. Ermutigend ist ihr langfristiges Potenzial. Und dass die Bundesregierung strukturelle Wettbewerbsnachteile endlich anzugehen scheint. Diese Unterstützung kann die deutsche Wirtschaft gut gebrauchen. Zwar hatte sich Deutschland im internationalen Wettbewerbsfähigkeitsranking unter 74 Volkswirtschaften im vergangenen Jahr vom 24. auf den 19. Platz verbessert. In diesem Jahr folgte jedoch die Ernüchterung: Platz 23 und damit die zweitschlechteste Platzierung seit Beginn des Vergleichs. Besonders schwach schnitt Deutschland bei der Regierungs- und Unternehmenseffizienz ab. Das Reformpaket macht zumindest Hoffnung auf eine bessere Platzierung in den kommenden Jahren.

Die Industrie als große Überraschung – doch Risiken bleiben bestehen

Doch nicht nur mit Blick auf die langfristige Perspektive gibt es Lichtblicke. Auch die aktuelle konjunkturelle Entwicklung liefert positive Signale. Die Industrieproduktion legte im Mai gegenüber dem Vormonat überraschend stark um 0,9 Prozent zu. Damit lag die Produktion in den ersten beiden Monaten des zweiten Quartals sogar über dem Niveau der ersten beiden Monate des ersten Quartals. Trotz Krieg im Nahen Osten und höherer Energiepreise blieb die befürchtete Industrierezession bislang aus. In Anbetracht der Tatsache, dass die Straße von Hormus wieder geöffnet ist, wenn auch nicht ganz reibungslos, dürfte die Industrie in den vor uns liegenden Monaten einen leichten Schub erleben.

Ein leichter Schub bedeutet allerdings nicht den großen Industrieboom. Denn es bleiben Risiken. Dazu zählt vor allem der Materialmangel, der die Industrie zunehmend belastet. Unser Chart of the Week zeigt, dass der Anteil der Unternehmen, die über Materialengpässe berichten, zuletzt in nahezu allen Industriezweigen höher lag als im Durchschnitt des vergangenen Jahres.

DG ECFIN Industrieumfrage – Anteil an Unternehmen, der angibt, dass ein Mangel an Material die Aktivität belastet

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Der Chart zeigt den Anteil an Unternehmen, der angibt, dass ein Mangel an Material die Aktivität belastet.
Quelle: LSEG Datastream; ING Economic & Financial Analysis

Besonders betroffen sind die chemische Industrie und die Mineralölverarbeitung: Mehr als jedes dritte Unternehmen berichtet dort von produktionshemmenden Materialengpässen. Das überrascht kaum, denn die chemische Industrie wurde von der zeitweisen Schließung der Straße von Hormus gleich doppelt getroffen. Zum einen ist sie energieintensiv in der Produktion, zum anderen nutzt sie Öl- und Gasprodukte als wichtige Vorleistungsgüter. Hier trafen Angebots- und Preisschock unmittelbar aufeinander.

Deutlich härter getroffen wurde die Industrie allerdings in vielen asiatischen Ländern, da diese deutlich abhängiger von Energie aus der Golfregion sind. Und das wiederum geriet zuletzt scheinbar der deutschen Industrie zum Vorteil.

Mit Blick nach vorn dürften Materialengpässe in der Industrie durch die Wiedereröffnung der Straße von Hormus allerdings nicht automatisch der Vergangenheit angehören. Denn die heißen Tage der vergangenen Woche haben nicht das Ende, sondern vielmehr den Auftakt des Sommers und damit der Hitzewelle 2026 markiert. Und das bedeutet niedrige Wasserstände in den kritischen Wasserstraßen Europas, wie beispielsweise dem Rhein. Um Lieferketten zu beeinträchtigen, braucht es nicht immer einen geopolitischen Konflikt.

Materialengpässe dürften die Industrie also auch künftig begleiten. Gleichzeitig hat sich die deutsche Wirtschaft zuletzt robuster gezeigt als befürchtet. Reformhoffnungen und eine überraschend stabile Industrie liefern erstmals seit Langem wieder Gründe für mehr Zuversicht. Für Euphorie ist es noch zu früh – für vorsichtigen Optimismus nicht mehr.

Autor: Franziska Biehl