Neue Prioritäten? Nicht für alle

Chart of the Week

Der Wind hat sich gedreht in Sachen Nachhaltigkeit: Unter der aktuellen Bundesregierung soll die Wirtschaft Vorfahrt genießen. Das zeigt sich einerseits bei konkreten, kleinteiligen Maßnahmen wie beispielsweise dem Gebäudeenergiegesetz, das künftig einen längeren Einsatz von Heizungen erlauben soll, die mit fossilen Brennstoffen betrieben werden – andererseits bei den großen, langfristigen Vorhaben: So wird diskutiert, das Ziel der Klimaneutralität Deutschlands, das bislang für 2045 festgeschrieben ist, auf 2050 zu verschieben.

Auf Kritik entgegnen die Befürworter dieses Kurses meist, dass ein Festhalten an bisherigen Zielen und Standards zu Lasten des Wirtschaftswachstums gehen würde. Auch wenn das stimmen sollte – für eine zumindest relative Mehrheit der Deutschen wäre das womöglich völlig in Ordnung. Darauf lässt eines der Ergebnisse einer repräsentativen ING-Umfrage im Mai dieses Jahres schließen. 42 Prozent der Befragten stimmen dabei der Aussage „Dem Umweltschutz sollte Vorrang gegeben werden, auch wenn dies das Wirtschaftswachstum dämpft“ zu; abgelehnt wird sie nur von 24 Prozent.

Diese Prioritätensetzung gilt auch für die Gegenprobe: Die umgekehrte Aussage „Das Wirtschaftswachstum sollte die höchste Priorität haben, auch wenn die Umwelt im gewissen Maße darunter leidet“ wird von 40 Prozent der Befragten abgelehnt bei einer Zustimmungsrate von 27 Prozent. Jeweils rund ein Drittel möchte sich bei beiden Aussagen nicht festlegen.

Nachhaltigkeit vor Wachstum

„Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen zu bzw. nicht zu?“

Der Chart zeigt die Zustimmung bzw. Ablehnung für zwei Aussagen zur Priorisierung von Umweltschutz oder Wirtschaftswachstum.
Quelle: ING Consumer Research

Insgesamt fallen die Ergebnisse damit etwas weniger deutlich aus als noch vor vier Jahren. Im Gegensatz zu 2022 gibt es in der diesjährigen Umfrage aber keine demografische Gruppe, die ausschert.

Damals war überraschenderweise vor allem in den jüngsten Altersgruppen 18-24 und 25-34 die Zustimmung zu einer Priorisierung des Wirtschaftswachstums höher als die Ablehnung. 2026 hingegen gilt für alle Geschlechter und Altersgruppen: Die Zustimmung zu „Umwelt vor Wachstum“ ist größer als die Ablehnung, die Ablehnung für „Wachstum vor Umwelt“ ist größer als die Zustimmung.

Übrigens sind 60 Prozent der Deutschen der Meinung, dass sich durch den Kauf von Second-Hand-Bekleidung die Umweltbelastung der Modebranche verringern lässt – so befasste sich die diesjährige Umfrage auch vor allem mit Verbrauchereinstellungen rund um den Gebrauchtkauf und -verkauf von Kleidung und anderen Gegenständen. Mehr dazu finden Sie hier.

Autor: Sebastian Franke