Man(n) zahlt mehr an der Tanksäule – oder?

Chart of the Week

An der Zapfsäule sind die Preise zuletzt fast wieder auf die Rekordstände vom April gestiegen – was auf den ersten Blick vor allem die Portemonnaies der Herren der Schöpfung belastet. Der Blick unter die Oberfläche zeigt allerdings, dass die weiblichen Budgets durch den Anstieg der Kraftstoffpreise stärker in Mitleidenschaft gezogen werden.

Spätestens seit dem Ende des Tankrabatts, der die Energiesteuern auf Kraftstoffe im Mai und Juni um 17 Cent pro Liter gesenkt hatte, ist der Blick auf die Zapfsäule wieder zum untrügerischen Indiz für den Verlauf des Konflikts im Nahen Osten geworden. Und mit der jüngsten Re-Eskalation zwischen den USA und Iran sowie den zusätzlichen Spannungen in der Meerenge Bab el -Mandeb im Roten Meer, ist der Ölpreis in der vergangenen Woche wieder auf über 100 Dollar pro Barrel geklettert. Dementsprechend ging es auch an den Zapfsäulen wieder deutlich nach oben. Anfang Juli kostete der Liter Superbenzin noch 2,06 Euro und Diesel 1,93 Euro. In der vergangenen Woche lagen die Preise bei 2,19 bzw. 2,16 Euro.

Würde der Preis an der Tankstelle von nun an für den Rest des Jahres unverändert bleiben, würden die Portemonnaies deutscher Super-Tanker, unter der Annahme einer jährlichen durchschnittlichen Fahrleistung von rund 12.500 Kilometern und einem Verbrauch von 7,35 Litern pro 100 Kilometer, im Vergleich zum Vorjahr um zusätzliche 305 Euro, die deutscher Diesel-Tanker um zusätzliche 393 Euro belastet werden.

Durchschnittswerte verdecken jedoch erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen. So legen Autofahrer in Mecklenburg-Vorpommern laut Check24 rund 1.500 Kilometer mehr pro Jahr zurück als der Durchschnittsdeutsche, während Berliner knapp 1.000 Kilometer weniger fahren. Der Wohnort entscheidet damit mit darüber, wie stark steigende Kraftstoffpreise ins Budget schneiden.

Auch zwischen den Altersgruppen zeigen sich erhebliche Unterschiede. Am wenigsten Kilometer legen die über 70-jährigen Deutschen mit dem Auto zurück, die meisten sind es im Alter zwischen 30 und 59. Außerdem zeigen die Ergebnisse der Studie: Männer fahren mehr Auto als Frauen. Und zwar rund 900 Kilometer pro Jahr. Unser Chart of the Week zeigt, dass sich diese Differenz auch deutlich in den jährlichen Kraftstoffausgaben widerspiegelt.

Durchschnittliche jährliche Kraftstoffkosten von Frauen und Männern

(2026, nominal und in % des durchschnittlichen jährlichen Bruttoverdienstes)

Der Chart zeigt die durchschnittlichen jährlichen Kraftstoffkosten von Frauen und Männern.
Quelle: Europäische Kommission, Check24, Statistisches Bundesamt, ING-Berechnungen (unter der Annahme, dass der Kraftstoffpreis der KW 29 für den Rest des Jahres gilt)

Würden die Kraftstoffpreise für den Rest des Jahres unverändert bleiben, würden die Herren der Schöpfung für Superbenzin rund 1.860 Euro im Jahr zahlen, für Diesel wären es rund 1.830 Euro. Die weiblichen Geldbeutel würden hingegen mit 1.720 Euro pro Jahr für Superbenzin, bzw. 1.695 Euro für Diesel etwas weniger stark belastet.

Auf den ersten Blick liegt die Schlussfolgerung nah, dass der jüngste Preisschock an der Tankstelle die Budgets der Männer stärker belastet als die der Frauen. Doch der erste Blick erzählt selten die ganze Geschichte. Entscheidender als die absolute Höhe der Kosten ist wie tief diese ins verfügbare Budget einschneiden. Und Männer haben im Durchschnitt nicht nur die Nase vorn bei der jährlichen Kilometerleistung, sondern auch bei dem Betrag, der auf dem Konto landet.

Im vergangenen Jahr betrug die unbereinigte Lohnlücke zwischen Männern und Frauen 16 Prozent. Während Männer pro Stunde brutto durchschnittlich rund 27 Euro verdienten, lag der durchschnittliche Bruttostundenlohn für Frauen bei rund 22,80 Euro. Ein Teil dieser Lohnlücke lässt sich durch den höheren Anteil von Frauen in Teilzeit erklären. Entsprechend lag die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Frauen 2025 bei 28 Stunden, die von Männern bei 34 Stunden. Aufs Jahr gerechnet ergibt sich für Frauen ein durchschnittlicher Bruttoverdienst von rund 33.200 Euro, für Männer liegt er bei 47.800 Euro.

Dementsprechend liegen die jährlichen Kraftstoffkosten für Frauen in diesem Jahr bei rund 5 Prozent des Bruttoverdienstes von 2025, die der Männer, trotz höherer absoluter Ausgaben, rund einen Prozentpunkt niedriger.

Nicht immer tragen also diejenigen die größte Last, die die höchste Rechnung bezahlen. Oder die meisten Kilometer auf die Straße bringen. An der Tankstelle sind es zwar häufiger die Männer, die tiefer in die Tasche greifen müssen. Gemessen an ihren finanziellen Möglichkeiten sind es jedoch die Frauen, die den stärkeren Einschnitt verkraften müssen. Der Unterschied liegt damit weniger im Fahrverhalten als in den weiterhin bestehenden Einkommensunterschieden, die steigende Preise unterschiedlich spürbar machen.

Autor: Franziska Biehl