Nach der Hitzewelle ist vor der Heizsaison

Chart of the Week

Nach der Hitzewelle ist vor der Heizsaison – so scheint es jedenfalls, wenn man einen Blick auf die jüngste Historie der Nachrichtenlage wirft. Sorgen über niedrige Pegel in Deutschlands Wasserstraßen wurden von Unsicherheit über niedrige Gasspeicherfüllstände abgelöst.

2026 ist offensichtlich ein Sommer, in dem besorgniserregende Rekorde aufgestellt werden. Vor einigen Wochen erreichte der Rhein-Pegel bei Kaub, einem der wichtigsten Wasserverkehrsknotenpunkte Deutschlands, mit nur 5 cm das niedrigste jemals gemessene Niveau. Das spiegelt nicht nur die negativen Folgen des Klimawandels wider, sondern hat auch direkte Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft. Und auch wenn es in den letzten Tagen in weiten Teilen Deutschlands wieder Regen gab, so liegt der Pegel bei Kaub doch nach wie vor unterhalb des kritischen Werts von rund 77 cm und weit unter dem für die aktuelle Jahreszeit üblichen Wert. Frachtschiffe können die Wasserstraße nicht voll beladen befahren. Und in den vor uns liegenden Tagen werden wieder sinkende statt steigender Pegelstände erwartet.

Neben potenziell niedrigerer Produktion, da der Rhein nicht nur als Wasserstraße, sondern auch als Kühlungsmechanismus für Industrieanlagen entlang des Rheins fungiert, führt dies zu anhaltenden Lieferkettenstörungen und im Ergebnis zu Inflationsdruck. Über den Rhein werden hauptsächlich chemische Produkte, Industrierohstoffe und auch Energieträger wie Benzin, Diesel, Heizöl, aber auch Flüssiggas transportiert. Im Vergleich zu den großen Mengen, die durch Pipelines transportiert werden, handelt es sich bei per Schiff transportiertem Gas allerdings nur um einen kleinen Anteil. Niedrigwasser im Rhein stellt daher kein direktes Problem für die Gasversorgung dar.

Gestiegene Gaspreise und die Zurückhaltung beim Einkauf von Gas auf dem Weltmarkt allerdings schon. Unser Chart of the Week zeigt, dass deutsche Gasspeicher aktuell so leer sind wie noch nie in einem August seit Beginn der Datenaufzeichnung im Jahr 2011.

Gasspeicherfüllstand in Deutschland

(monatlicher Durchschnitt, Füllstand in Prozent)

Der Chart zeigt die durchschnittlichen Gasspeicherfüllstände in Deutschland für verschiedene Zeiträume.
Quelle: LSEG Datastream; ING-Berechnungen

Im bisherigen Monatsdurchschnitt waren die deutschen Gasspeicher im August dieses Jahres zu rund 50 Prozent gefüllt. Bisher lag das niedrigste durchschnittliche Niveau in einem August seit 2011 bei rund 55 Prozent im Jahr 2021. Für gewöhnlich leeren sich die Gasspeicher während der kalten Monate, ab April lassen sich im langfristigen Durchschnitt wieder steigende Füllstände beobachten. Zwischen April und August stiegen die Füllstände historisch durchschnittlich um rund 35 Prozentpunkte, von etwa 40 auf 75 Prozent. Aufgrund verschiedener Faktoren, unter anderem hoher Winterentnahmen und höherer LNG-Konkurrenz aus Asien, waren die Speicher im April 2026 nur zu rund 25 Prozent gefüllt.

Normalerweise wird Gas in den Sommermonaten zu günstigeren Preisen eingekauft, eingespeichert und im Winter zur Verfügung gestellt. Mit Beginn des Kriegs im Nahen Osten sind die Gaspreise allerdings von rund 30 Euro pro Megawattstunde auf zuletzt fast 70 Euro pro Megawattstunde gestiegen. Das Auffüllen der Speicher hat sich für die Händler innerhalb der vergangenen Monate um mehr als 110 Prozent verteuert, die immer wiederkehrende Hoffnung auf ein Ende des Kriegs und die Öffnung der Straße von Hormus, durch die immerhin rund 20 Prozent der globalen Flüssiggasexporte transportiert werden, zu einer abwartenden Haltung auf fallende Preise geführt.

Aktuell sieht es allerdings danach aus, als ob sich der Krieg im Nahen Osten zusehends zu einem längerfristigen Szenario entwickeln würde. Eines, das auch über die Zwischenwahlen in den USA im November hinaus andauern könnte. Großen Spielraum für niedrigere Energiepreise gäbe es in solch einem Szenario nicht. Und auch wenn zuletzt immer wieder betont wurde, dass die Versorgung sichergestellt sei – das Preisrisiko bleibt dennoch bestehen.

So resilient die deutsche Wirtschaft sich zuletzt geschlagen hat – mit erhöhten Energiepreisen und potenziellen Störungen in den Lieferketten bleiben doch deutliche Risiken bestehen.

Autor: Franziska Biehl