Margen unter Druck, Inflation in Grenzen?
Chart of the Week
Die Inflation steigt, doch das bedeutet nicht, dass es wieder wie 2022 wird. Verschiedenes spricht dagegen, unter anderem, dass schwache Nachfrage und nachlassende Kaufkraft deutsche Unternehmen dazu zwingen, einen größeren Teil des Kostendrucks selbst abzufangen. Und, ganz im Gegenteil zu 2022, dürfte das die Unternehmensgewinne zum Puffer gegen eine breite Inflationsspirale machen.
Der Krieg im Nahen Osten und die stark gestiegenen Energiepreise haben die Inflation in der gesamten Eurozone nach oben getrieben. In Deutschland wurde dieser Anstieg vorübergehend durch den zweimonatigen „Tankrabatt“ gebremst. Mit 2,9 Prozent lag die Inflationsrate im August zwar rund einen Prozentpunkt über dem Februarwert, bleibt aber weit entfernt von den zweistelligen Raten, die während der Energiekrise 2022 erreicht wurden.
Zwar dürfte die Inflation in den kommenden Monaten weiter steigen, wahrscheinlich die 3 Prozent-Marke überschreiten und bis zum Jahresende erhöht bleiben. Eine Wiederholung der Inflationsdynamik von 2022 erscheint dennoch unwahrscheinlich. Zwar könnten höhere Energiepreise noch auf andere Bereiche im Inflationswarenkorb übergreifen, bislang ist davon jedoch wenig zu sehen. Vor allem fehlen heute die Voraussetzungen, die dem Energiepreisschock vor vier Jahren erlaubten, sich zu einer breiten Inflationswelle zu entwickeln.
Der Arbeitsmarkt hat sich abgeschwächt, sodass Arbeitsplatzsicherheit wichtiger geworden ist als hohe Lohnforderungen. Gleichzeitig sind die während der Pandemie aufgebauten Ersparnisse weitgehend aufgebraucht. Sowohl die finanzielle Fähigkeit als auch die Bereitschaft der Verbraucher, höhere Preise zu akzeptieren, ist damit deutlich geringer als noch direkt nach der Pandemie. Was die Weitergabe höherer Kosten an die Verbraucher betrifft, stoßen Unternehmen daher zunehmend an ihre Grenzen.
Wie unsere Analyse der Umsätze in der Industrie zeigt, besteht vor allem am Anfang der Lieferkette teilweise noch Preissetzungsmacht. Gleichzeitig verschwindet sie zunehmend, bevor die höheren Kosten beim Endverbraucher ankommen. Daraus ergeben sich zwei wichtige Schlussfolgerungen. Erstens bleibt ein breiter Durchschlag höherer Energiepreise auf die Verbraucherpreise und damit auf die Inflation unwahrscheinlich. Und zweitens: Wenn nicht die Verbraucher die Rechnung bezahlen, dann muss es jemand anderes tun.
Und wie unser Chart of the Week zeigt, sind dieser „Jemand“ die Unternehmen am Ende der Wertschöpfungskette.
Beitrag der Gewinne zur Veränderung der Preismargen zwischen Q2 2025 und Q2 2026
(in Prozentpunkten)
Die schwache Nachfrage und die gestiegene Preissensibilität der Verbraucher scheinen dem Spielraum weiterer Preiserhöhungen Grenzen zu setzen – und setzen stattdessen die Gewinnmargen unter Druck. Besonders deutlich ist das in der Landwirtschaft, bei Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, unternehmensnahen Dienstleistungen sowie in Teilen der Industrie. Dort haben Gewinne den Kostendruck am stärksten abgefedert.
Selbst wenn das Inflationsumfeld in den kommenden Monaten herausfordernder werden sollte, unterscheiden sich die Dynamiken doch grundlegend von denen der letzten Energiekrise. 2022 galten Unternehmensgewinne als Teil des Inflationsproblems. Begriffe wie „Greedflation“ oder „Shrinkflation“ machten die Runde.
Heute scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Statt die Inflation anzufachen, dürften sinkende Gewinnmargen zunehmend dazu beitragen, den Inflationsdruck zu begrenzen. Die Gefahr einer breiten Inflationsspirale ist heute deshalb deutlich geringer als noch vor vier Jahren.
Die englische Originalversion dieses Artikels erschien unter dem Titel „Inflation is back in Germany, but this time companies are footing the bill“ – hier geht’s zur vollständigen Analyse.