Der Arbeitsmarkt zwischen zyklischer Erholung und struktureller Schwäche
Chart of the Week
Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im September um 67.000 gesunken und liegt damit wieder unter der Marke von 3 Millionen. Was sich zunächst einmal sehr gut anhört, ist tatsächlich ein eher durchschnittlicher September – der übliche Anstieg der Beschäftigung nach der Sommerpause ist in vergangenen Jahren schon schlechter, aber auch schon besser ausgefallen.
Alles in allem zeigt sich jedoch – wie nach mehreren Jahren der Stagnation erwartbar – derzeit der schwächste Arbeitsmarkt seit der Corona-Pandemie, wie auch unserem Chart der Woche zu entnehmen ist. Zwar ist davon auszugehen, dass die damaligen Zahlen ohne massive staatliche Unterstützung durch Maßnahmen wie Kurzarbeit noch deutlich höher ausgefallen wären, dennoch ging die im ersten Pandemie-Jahr deutlich angestiegene Arbeitslosigkeit im zweiten Jahr fast ebenso deutlich zurück.
Dieser gut durch die Krise gekommene Arbeitsmarkt bildete dann den idealen Nährboden, um den Energiepreisschock des beginnenden Ukraine-Kriegs in eine breit angelegte Welle von Preissteigerungen zu verwandeln: Vor allem gut qualifizierte Arbeitnehmer nutzten die Verhandlungsmacht, die ihnen der Fachkräftemangel bot, um den inflationären Einschnitt ins Portemonnaie so weit wie möglich durch Lohnsteigerungen auszugleichen.
Auf der anderen Seite sorgten die in der Pandemie mangels Ausgabemöglichkeiten vielerorts angehäuften Ersparnisse und die gute Beschäftigungssituation dafür, dass es den Unternehmen meist gelang, Kostensteigerungen an die Konsumenten weiterzureichen – was das Spiel von neuem beginnen ließ.
Arbeitslosigkeit in Deutschland seit 2020
Vor diesem Hintergrund hat die derzeitige Schwäche des Arbeitsmarktes zumindest einen positiven Nebeneffekt: Sie ist einer der Gründe dafür, dass sich der Energiepreisschock, der dieses Mal auf den Krieg am Persischen Golf zurückgeht, bislang noch nicht in andere Wirtschaftsbereiche fortpflanzt. Aufgrund der verschlechterten Beschäftigungssituation halten die Konsumenten ihr Geld zusammen, wodurch den Unternehmen die Umlage gestiegener Kosten auf die Preise deutlich schwerer fällt. So sind es in sehr viel stärkerem Maße als noch vor drei oder vier Jahren sinkende Unternehmensprofite, die die Kostensteigerungen bei Produktion und Transport auffangen.
Dennoch wäre es natürlich wünschenswert, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt bald wieder bessert. Doch während in zyklischer Hinsicht manches darauf hindeutet, dass sich bei den Beschäftigtenzahlen für den Moment eine Bodenbildung einstellt, bleiben strukturelle Herausforderungen bestehen – beispielsweise die gesamtwirtschaftliche Neuorientierung nach dem Ende eines Geschäftsmodells, das auf billiger Energie und Exportführerschaft basierte. Auch die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt lassen sich bislang allenfalls ansatzweise abschätzen. Verschiedene große Unternehmen haben angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage bereits umfangreiche Sparpläne in Aussicht gestellt – auch deren Effekt wird sich erst mit Verzögerung an den Arbeitsmarktzahlen ablesen lassen.