„Because of France“ statt „Because it’s France”
Chart of the Week
Fast so zuverlässig wie die Debatten über Weihnachtssüßigkeiten im Supermarkt und die Zeitumstellung kehren im Herbst auch die Sorgen über Frankreichs Staatsfinanzen zurück. Und mit ihnen zwei der derzeit meistdiskutierten ökonomischen Fragen: Kommt eine neue Eurokrise? Und wie tief wird die EZB in ihre Werkzeugkiste greifen müssen, um eine breite Ansteckung in der Währungsunion zu verhindern?
Vom Haushaltsproblem zur Vertrauenskrise
Wie heißt es so schön? Une dette n'empêche pas l'autre. Eine Schuld hält die nächste nicht auf. Ein Schelm, wer dabei an den französischen Staatshaushalt denkt – obwohl der Schuh tatsächlich gut passt. Die Staatsschuldenquote Frankreichs liegt inzwischen bei rund 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, nach knapp 116 Prozent im Jahr 2025. Die Maastricht-Grenze von 60 Prozent wird bereits seit Einführung des Euro überschritten. Auch das öffentliche Defizit liegt deutlich über den erlaubten 3 Prozent.
Diese angespannte Haushaltslage trifft auf eine schwierige politische Situation. Zwar ist die aktuelle Regierung mit Sébastien Lecornu als Premierminister mit mittlerweile rund einem Jahr Laufzeit für jüngere französische Verhältnisse schon beinahe als stabil einzustufen, doch ist die französische Politiklandschaft seit den Turbulenzen des vergangenen Jahres extrem fragmentiert. Zeitgleich stehen in rund einem halben Jahr Präsidentschaftswahlen an. In den Umfragen liegen aktuell Marine Le Pen und somit die rechtsextreme Rassemblement National (RN) vorn, gefolgt von Jean-Luc Mélenchon und der linksextremen La France insoumise (LFI). Die politische Mitte spielt bislang nur eine Nebenrolle.
Während die politische Linke einen Sparkurs ablehnt und auf höhere Investitionen sowie Umverteilung setzt, versucht die politische Rechte inzwischen, sich als Verfechter fiskalischer Solidität zu positionieren. Doch die Finanzmärkte zweifeln nicht nur an der Bereitschaft einer künftigen Regierung zur Haushaltskonsolidierung. Auch der aktuellen Minderheitsregierung trauen sie kurzfristig keine wirksame Verbesserung der Haushaltslage zu.
Veränderung der Renditen für 10-jährige Staatsanleihen
(in Basispunkten, Stand 14.10.2026)
Das Deja-Vu hat seinen Preis
Unser Chart of the Week zeigt, dass die wachsenden Zweifel an Frankreichs Staatsfinanzen zu einer regelrechten Vertrauenskrise am Staatsanleihemarkt geführt haben. Um Frankreich Geld zu leihen, verlangen Investoren einen höheren Risikoaufschlag. Dementsprechend ist die Rendite der französischen 10-jährigen Staatsanleihe auf das höchste Niveau seit 2002 gestiegen.
Zeitgleich profitierten längerfristige deutsche Staatsanleihen von ihrer Rolle als „sicherer Hafen“. Investoren, die in Europa investiert bleiben wollten, taten dies verstärkt in Mitgliedsstaaten mit zumindest relativ besserer Haushaltslage, was die Nachfrage nach deutschen Staatsanleihen steigen und deren Renditen im Ergebnis etwas sinken ließ. Dementsprechend stieg die Zinsdifferenz zwischen deutschen und französischen langfristigen Anleihen auf die höchsten Niveaus seit der Eurokrise. Auch andere höherverschuldete Eurozone-Mitgliedsstaaten wurden von dem Abverkauf am Staatsanleihemarkt in Mitleidenschaft gezogen und der Euro hat gegenüber dem Dollar das niedrigste Niveau seit Mai 2025 erreicht.
Wiedersehen mit der Euro-Krise?
Entsprechend fragen sich viele Marktteilnehmer, ob eine Neuauflage der Eurokrise droht – diesmal ausgelöst durch Frankreich statt Griechenland. Zwar weist die aktuelle Situation zur damaligen einige Parallelen auf, doch gibt es auch entscheidende Unterschiede. Akute Sorgen um einen Zahlungsausfall Frankreichs gibt es nicht. Und obwohl die Renditen anderer hoch verschuldeter Eurostaaten ebenfalls gestiegen sind, deutet der aktuelle Stress am Anleihemarkt eher auf eine Vertrauenskrise in die französische Fiskalpolitik als auf Zweifel am Fortbestand der Währungsunion hin. Von einer Eurokrise 2.0 sind wir noch weit entfernt.
Was nicht bedeutet, dass die EZB nicht dennoch zum Handeln gezwungen werden könnte. Etwa dann, wenn die Turbulenzen am französischen Markt verstärkt auf andere Staatsanleihemärkte übergreifen. Dieses Handeln müsste aber nicht zwangsläufig durch das viel diskutierte Transmission Protection Instrument (TPI) erfolgen – eine weniger hawkishe Haltung könnte fürs Erste schon reichen, schließlich haben die Märkte durch den Anstieg der Staatsanleiherenditen schon einen Teil der Arbeit der Zentralbank übernommen. Und auch der temporäre Stopp des Quantitative Tightenings bzw. die „flexible“ Reinvestition auslaufender Anleihen wäre eine Option, die vermutlich noch vor Inanspruchnahme des TPIs in Betracht gezogen würde.
Wie tief die EZB tatsächlich in die Instrumentarien-Kiste greifen muss, werden die nächsten Wochen erst noch zeigen. Erste Hinweise auf die Stimmung innerhalb der EZB dürfte es allerdings bereits während der Oktober-Sitzung geben. An den Märkten hingegen dürfte vor allem eine Verabschiedung des Anfang Oktober präsentierten französischen Haushalts für 2027, im Zweifel unter Artikel 49.3, der es der Regierung erlaubt Gesetze auch ohne Mehrheitsabstimmung durchs Parlament zu bringen, sofern sie dafür das Risiko eines Misstrauensvotums in Kauf nimmt, für Entspannung sorgen.
Bis dahin dürfte jedoch jede Nachricht aus Paris auf die Goldwaage gelegt werden. Denn anders als zu Zeiten von Jean-Claude Junckers berühmtem „Because it's France“ genießt Frankreich an den Finanzmärkten offenbar keinen automatischen Vertrauensbonus mehr. Heute lautet die Devise eher: „Because of France“.