Generationenkonflikt im Wandel?

Chart of the Week

Frankreich kommt nicht zur Ruhe. Während die Politik über den Staatshaushalt diskutiert, protestieren seit Mitte September tausende junge Menschen für mehr Lehrkräfte, bessere Schulen und mehr Zukunftsinvestitionen. Doch längst geht es bei den Protesten um mehr als Bildung.  Die wirtschaftliche Unsicherheit nimmt zu. Die Frage, welcher Planet der jüngeren Generation hinterlassen wird, ist längst keine rein ökologische mehr. Zunehmend stellt sich auch die Frage, in welcher wirtschaftlichen Verfassung sie ihn einst übernehmen wird.

Die aktuellen Proteste in Frankreich erinnern an das Frühjahr 2019, als Hunderttausende junge Menschen unter dem Motto „Fridays for Future“ auf die Straßen Europas gingen. Während damals vor allem der Klimawandel im Vordergrund stand, scheint sich der Schwerpunkt nun, sieben Jahre später, teilweise verschoben zu haben. Statt um den Zustand des Planeten geht es zunehmend um die Frage, ob junge Menschen künftig ähnliche Zukunftschancen haben wie frühere Generationen.

Vom Klimawandel zur Kaufkraftkrise

Während Umwelt- und Klimafragen 2019 laut Eurobarometer-Umfrage in der jüngeren Generation noch zu den wichtigsten politischen Sorgen gehörten, haben inzwischen vor allem wirtschaftliche Probleme an Bedeutung gewonnen. Diese Entwicklung zeigt unser Chart of the Week.

Eurobarometer Umfrage: Wahrnehmung der wichtigsten Probleme im eigenen Land

(Veränderung zwischen Herbst 2019 und Frühjahr 2026, in Prozentpunkten)

Der Chart zeigt die Veränderung der Wahrnehmung der wichtigsten Probleme im eigenen Land in Deutschland und Frankreich nach Altersklassen.
Quelle: Europäische Kommission, Eurobarometer, Standard Eurobarometer 92 (Herbst 2019) und Standard Eurobarometer 105 (Frühjahr 2026). Die Befragten konnten jeweils bis zu zwei der wichtigsten Probleme nennen. Nicht alle Antwortmöglichkeiten sind in der Darstellung abgebildet.

Unter den bis 24-Jährigen in Deutschland sank der Anteil derjenigen, die Umweltthemen und Klimawandel als eines der wichtigsten Probleme im eigenen Land einschätzten, zwischen 2019 und 2026 um rund 34 Prozentpunkte, in Frankreich um 24 Prozentpunkte. Bei den über 65-Jährigen fiel der Rückgang mit 20 beziehungsweise 9 Prozentpunkten geringer aus, was allerdings auch vor dem Hintergrund niedrigerer Ausgangsniveaus zu betrachten ist – der Klimawandel stellte 2019 für weniger Befragte der älteren Generation eines der wichtigsten Probleme dar.

Gleichzeitig rückten Inflation und steigende Lebenshaltungskosten in beiden Generationen stärker in den Vordergrund. Besonders ausgeprägt war dieser Anstieg bei jungen Menschen in Deutschland (+24 Prozentpunkte) und älteren Menschen in Frankreich (+20 Prozentpunkte). Auch die wirtschaftliche Lage und die Staatsverschuldung wurden häufiger als wichtige Probleme genannt. Insgesamt entwickeln sich die Sorgen beider Generationen damit weitgehend in dieselbe Richtung, was in Anbetracht der vielfältigen wirtschaftlichen Herausforderungen, inklusive „Rekordinflationsjahre“, wenig überraschend ist.

Neue Sorgen, alte Prioritäten im Staatshaushalt

Doch während sich die Sorgen der Bevölkerung verschoben haben, zeigt die Entwicklung der Staatsausgaben ein anderes Bild. Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland beansprucht die Alterssicherung weiterhin einen erheblichen Teil der öffentlichen Mittel. An der grundsätzlichen Verteilung der Ausgaben für Renten und Bildung hat sich in den vergangenen Jahren jedoch wenig verändert.

Laut Eurostat lagen die Bildungsausgaben im Jahr 2024 in Deutschland bei 4,5% des BIP und bei 5,1% in Frankreich. Für die Altersversorgung waren es 9,9% bzw. 13,4%. Seit dem Jahr 2019 sind die Ausgabenquoten weitgehend stabil geblieben. Die veränderten gesellschaftlichen Sorgen treffen somit auf eine Ausgabenstruktur, deren grundlegende Prioritäten seit Jahren bestehen.

Zugleich verändern sich allerdings die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland altert die Bevölkerung, wodurch die Finanzierung der Alterssicherung langfristig unter Druck gerät. Insbesondere, wenn die Haushaltslage ohnehin so angespannt ist wie in Frankreich und kein echter Reformwille gezeigt wird. Für jüngere Generationen stellt sich daher zunehmend die Frage nach den (wirtschaftlichen) Perspektiven. Hohe Wohnkosten und ein schwieriger Zugang zu Wohneigentum erschweren den wirtschaftlichen Aufstieg. Der Konflikt reicht damit über die Verteilung staatlicher Mittel hinaus.

Dabei sind Verteilungskonflikte nicht neu. Schon die französischen Gelbwesten protestierten ab 2018 gegen steigende Lebenshaltungskosten und Kaufkraftverluste. Neu ist also möglicherweise weniger der Konflikt selbst als die zunehmende Erkenntnis der jungen Generation, dass die wirtschaftliche Zukunft immer unsicherer wird. Ein Konflikt, der nicht nur Frankreich betrifft, sondern eigentlich ganz Europa.

Autor: Moritz Geppert