Der Zinsschock trifft nicht nur den Immobilienmarkt
Chart of the Week
Das favorisierte Instrument der EZB zur Steuerung der wirtschaftlichen Aktivität ist der Leitzins – der in dieser Woche unverändert geblieben ist. Die Ergebnisse des jüngsten Bank Lending Survey der Zentralbank zeigen allerdings, dass die Märkte in den vergangenen drei Monaten bereits für restriktivere Finanzierungsbedingungen gesorgt haben. Und dass das nicht nur den Immobilienmarkt trifft.
Die EZB hält still, die Märkte straffen
Steigt der Preisdruck zu stark, erhöht die EZB üblicherweise die Leitzinsen. Dadurch wird Sparen attraktiver, Investieren teurer und die Nachfrage wird gedämpft. Wie sich zuletzt zeigte, muss die EZB dafür nicht einmal selbst aktiv werden. Denn gerade längerfristige Kreditzinsen hängen nicht allein vom Leitzins ab, sondern maßgeblich von den Kapitalmarktzinsen, etwa der Rendite zehnjähriger deutscher Staatsanleihen. Diese wiederum spiegeln zwar die geldpolitischen Erwartungen der Finanzmarktteilnehmer wider, werden aber auch von anderen Faktoren wie den Erwartungen an die künftige Staatsverschuldung, globalen Dynamiken und der allgemeinen Risikostimmung an den Finanzmärkten beeinflusst.
Unter dem Einfluss all dieser Faktoren stieg die Rendite zehnjähriger deutscher Staatsanleihen im Laufe des dritten Quartals um mehr als 75 Basispunkte an. Allein zwischen der letzten EZB-Sitzung im September und dem Quartalsende legte sie um rund 25 Basispunkte zu. Mit anderen Worten: Während die EZB stillhielt, lieferte der Markt faktisch eine weitere Runde geldpolitischer Straffung. In der Folge sind auch die Kreditzinsen in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen – der durchschnittliche Zins für einen Immobilienkredit lag in Deutschland im August bei 4,05 Prozent und damit auf dem höchsten Niveau seit Ende 2023. Auch für Verbraucher- und Unternehmenskredite zogen die Finanzierungskosten deutlich an.
Ergebnisse des Bank Lending Survey der EZB
(Nettoprozentsatz)
Unser Chart of the Week zeigt, dass sich dies in den vergangenen drei Monaten deutlich auf die Kreditnachfrage ausgewirkt hat. Liegen die Ergebnisse des Bank Lending Survey der EZB im negativen Bereich, berichten mehr Banken von einer rückläufigen Nachfrage bzw. einem negativen Einfluss eines jeweiligen Faktors. Liegen die Ergebnisse im positiven Bereich, ist das Gegenteil der Fall.
Der Zinsschock trifft alle – aber nicht alle gleich
Im dritten Quartal 2026 berichteten so viele deutsche Banken wie seit dem ersten Quartal 2023 nicht mehr von einer rückläufigen Nachfrage nach Immobilienkrediten. Auch bei Unternehmen ist der Effekt inzwischen sichtbar. Erstmals seit Anfang 2024 meldeten die Banken wieder einen Rückgang der Kreditnachfrage. Für das vierte Quartal erwarten sie allerdings bereits eine Gegenbewegung. Ein möglicher Treiber: die wachsende Nachfrage nach Finanzierungen für digitale Infrastruktur, insbesondere Rechenzentren.
Für Immobilien- und Konsumentenkredite erwarten deutsche Banken im vierten Quartal allerdings einen weiteren Nachfragerückgang. Das zeigt, dass der Zinsschock zwar alle Segmente trifft, Verbraucher aber doch deutlich zinssensitiver reagieren als Unternehmen – vor allem, wenn es um den Traum vom Eigenheim geht. In Anbetracht der steigenden Kaufpreise können schon kleine Änderungen in den Finanzierungskosten potenzielle Käufer aus dem Markt drängen oder zum Abwarten zwingen.
Seit Anfang Oktober sind die Kapitalmarktzinsen wieder etwas von ihren jüngsten Höchstständen heruntergekommen. Das dürfte auch den Kreditzinsen wieder etwas Luft nach unten geben. Doch gegenüber dem Niveau von vor einigen Monaten bleiben die Finanzierungskosten hoch – und eine schnelle Trendwende ist nicht in Sicht.
Der Zinsschock dürfte die Kreditnachfrage in Deutschland daher noch eine Weile begleiten. Entscheidend wird sein, was zuerst kommt: spürbar bessere wirtschaftliche Aussichten, deutlich niedrigere Finanzierungskosten – oder schlicht ein Gewöhnungseffekt an das neue Zinsniveau. All das sieht derzeit eher nach einer Geschichte für 2027 aus.