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Christines erste Reifeprüfung

Das Coronavirus ist die erste große Reifeprüfung für EZB-Präsidentin Christine Lagarde

Bei vielen war der Jubel groß nach der Ankündigung, dass Christine Lagarde Nachfolgerin von Mario Draghi an der Spitze der EZB werden sollte. Eine großartige Kommunikatorin, die sowohl die Sprache der „normalen“ Menschen als auch die der Europäischen Regierungschefs spricht, so die häufig gehörten Kommentare. Für diese Kommentatoren war Mario Draghi zu technisch und zu akademisch. Eins konnte Mario Draghi allerdings wie kein anderer: die Finanzmärkte lesen, einschätzen und steuern. Nächste Woche wird Christine Lagarde beweisen müssen, dass die Vorschusslorbeeren gerechtfertigt waren.

 

Covid-19 oder einfach gesagt „Corona“ hält die Welt, die Finanzmärkte und die Konjunktur weiter in Atem. Die wirtschaftlichen Folgen sind immer noch nicht zu quantifizieren. Es gibt zu viele offene Fragen. Dadurch, dass sich das Virus immer noch weiter über die Welt verbreitet, werden auch die wirtschaftlichen Folgen in einer globalisierten und stark verlinkten Welt immer größer. Mittlerweile sieht sich die Konjunktur mit einer Kombination aus Nachfrage- und Angebotsmangeln konfrontiert. Nachfrage, die wegfällt, weil vor allem die chinesische Wirtschaft, und damit 20 % der Weltwirtschaft, in den Seilen hängt. Aber auch ein Angebotsschock, da nicht nur chinesische Zulieferer zeitlich wegfallen, sondern auch in den westlichen Ländern aus Vorsicht auch gesunde Menschen Reisen absagen werden, weniger einkaufen oder nicht zur Arbeit gehen.

 

Wirtschafts- und Finanzexperten hoffen gerade fast genauso aussichtslos, dass es eine einheitliche Meinung und Analyse von Virologen gibt, wie Virologen in normalen Zeiten wahrscheinlichen hoffen, dass es eine einheitliche Analyse von Wirtschaftsexperten gibt. Natürlich gibt es offizielle Zahlen. Da ein Träger des Virus aber symptomfrei sein kann, werden wir die Dunkelziffern wohl nie kennen. Eine Frage für die Wirtschaft wird wohl sein, ob die Behörden bei weiterer (nicht unwahrscheinlicher) Verbreitung irgendwann dazu übergehen, Quarantäne-Situationen aufzugeben und die „Welle“ einfach rollen zu lassen. Diese Unsicherheit erklärt die Panik an den Finanzmärkten.

 

Wie in der Finanzkrise von 2008 nehmen die Rufe nach koordinierten Aktionen von Notenbanken und Regierungen wieder zu. Nur so kann der Fall an den Börsen gestoppt werden. Dabei wird aber vergessen, dass die Finanzkrise ihre Wurzeln im Finanzsektor hatte. Die aktuelle Krise definitiv nicht. Weitere Zinssenkungen oder Konjunkturprogramme sind bestenfalls vertrauensbildende Maßnahmen für die Finanzmärkte, heilen aber nicht infizierte Patienten und stoppen eine weitere Verbreitung des Virus.

 

Für Christine Lagarde wird das Coronavirus und die Panik an den Finanzmärkten die erste große Reifeprüfung. Die Instrumente der EZB sind eigentlich mehr oder weniger ausgereizt. Zweifel über den Mehrwert der letzten Entscheidungen im September sind immer noch nicht verschwunden. Immer mehr EZB-Notenbanker haben in den letzten Wochen auch auf die negativen Folgen der ultra-lockeren Geldpolitik hingewiesen. Vor diesem Hintergrund, Turbulenzen an den Börsen und einer möglichen Rezession in der Eurozone sind Lagardes Qualitäten als Krisenmanagerin gefragt. Eigentlich kann und will die EZB nichts machen, während die Erwartungen der Märkte auf schnelle Notenbank-Aktionen mit dem Tag steigen. Ihr Vorgänger Mario Draghi hat es in den letzten Jahren immer wieder geschafft, die Finanzmärkte mit Worten zu beruhigen. Bisher fiel Lagarde nicht großartig als Zauberin der Geldpolitik oder Dompteurin der Finanzmärkte auf. Es wäre gut, wenn sie noch schnell ein paar Tipps bei Super Mario einholt.