Wer ist der Breadwinner?
Wie Rollenerwartungen Realität prägen
Papa verdient das Geld, Mama ist zuhause und kümmert sich um die Kinder – selbst wenn es auch heute noch einige Familien gibt, die so leben, ist doch klar: Das alte Breadwinner-Modell hat schon lange ausgedient. Das liegt zum einen an der zunehmenden Gleichberechtigung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, zum anderen daran, dass viele Familien von einem einzigen Gehalt nicht mehr gut leben können.
Das spiegeln auch die Zahlen wider: Laut einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung waren im Jahr 2022 in deutschen (heterosexuellen) Paarhaushalten mit Kindern unter 18 Jahren:
- in 60,8% der Haushalte beide berufstätig,
- in 26,8% der Haushalte der Mann der Alleinverdiener und
- in 4,1% der Haushalte die Frau die Alleinverdienende.
Bei Paaren ohne Kinder unter 18 Jahren waren
- in 66,5% der Haushalte beide berufstätig,
- in 14,9% der Haushalte der Mann der Alleinverdiener und
- in 9,5% der Haushalte die Frau die Alleinverdienende.
Doch obwohl in der großen Mehrheit der Haushalte das Einkommen gemeinsam erwirtschaftet wird, gibt es durchaus Unterschiede. Schaut man auf die genaue Aufteilung, stellt sich heraus, dass in den meisten Paarhaushalten mit kleinen Kindern der Mann Voll- und die Frau in Teilzeit arbeitet. Umgekehrt sind Haushalte mit Frauen als Alleinverdienerinnen selten – genau wie das Modell des in Teilzeit arbeitenden Mannes und der Vollzeit tätigen Frau. Woran liegt das?
Gender Pay Gap: Wenn der Verdienst nicht gleich wächst
Wer in einer Partnerschaft zum Breadwinner wird, hängt nicht nur von Wünschen ab, sondern auch von Strukturen. So lag 2024 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes der unbereinigte Gender Pay Gap in Deutschland bei 16 Prozent, der bereinigte bei 6 Prozent. Frauen verdienen also immer noch weniger als Männer – und das wirkt sich auf das Haushalteinkommen in Familien aus. Das heißt konkret: Auch in Doppelverdiener-Haushalten ist der Abstand beim Stundenlohn oft groß genug, dass am Monatsende „automatisch“ ein Hauptverdienst entsteht – in der Regel beim Mann.
Teilzeitarbeit kann eine gute Lösung sein, wenn sie freiwillig gewählt wird. Problematisch wird sie, wenn sie zur einzigen realistischen Option wird: weniger Einkommen, weniger Aufstiegschancen, weniger finanzielle Unabhängigkeit. Dazu kommt unbezahlte Arbeit. Die Arbeitszeitforscherin Yvonne Lott vom WSI warnt: „Der Gender Care Gap ist auch nach der Pandemie hoch und geht zu Lasten von erwerbstätigen Frauen.“ Genau deshalb sei „Frau verdient mehr als Mann“ statistisch selten – nicht, weil Frauen weniger könnten, sondern weil Zeit, Berufswahl und Karrierepfade unterschiedlich verliefen.
Wenn Geld auf Geschlechterrollen trifft
Das traditionelle Ernährermodell steckt als Erwartung noch in vielen Köpfen: Der Mann soll Hauptverdiener sein, die Frau soll stärker „mitdenken“ bei Familie und Care-Arbeit. Weicht ein Paar davon ab – etwa wenn eine Frau mehr verdient oder ein Mann in Teilzeit geht –, wird das nicht selten kommentiert oder kritisch bewertet. Diese Normen lenken Entscheidungen: Wer reduziert Stunden, wer nimmt Elternzeit, wer „traut“ sich Gehaltsverhandlungen und Führungsrollen zu. So entstehen aus Rollenbildern ganz reale Effekte auf Karriere, Verdienst und finanzielle Unabhängigkeit.
Auch am Arbeitsplatz entscheiden nicht nur Leistung und Fachwissen darüber, wer befördert wird – sondern oft, wer sichtbar ist und als „passend“ für Führung wahrgenommen wird. In der Publikation „Frauen gehen eigene Wege – Neue Rollen und Karrieren für zukunftsfähige Organisationen“ der Bertelsmann Stiftung heißt es dazu, dass Sichtbarkeit im Arbeitsalltag ungleich verteilt ist – und bei Frauen anders bewertet wird. Männer besetzen demnach häufiger die sichtbaren Positionen: Sie präsentierten Projektergebnisse, äußerten sich häufiger in Meetings, verträten das Unternehmen auf Podiumsdiskussionen. Viele Frauen seien dagegen zurückhaltender, weil sie „auf keinen Fall aggressiv oder angeberisch wirken“ möchten. Doch genau hier sitzt die Rollenfalle: „Frauen wissen, dass der Grat, auf dem sie sich in der ersten Reihe bewegen, schmal ist. Schmaler als für Männer, denen ein forsches Auf- und Eintreten für die eigenen Karriereinteressen in der Regel nicht negativ ausgelegt wird“, heißt es in der Publikation. Aber, so unterstreicht Unternehmerin Tijen Onaran: „Wer nicht sichtbar ist, findet nicht statt.“
Alte Rollenverteilungen können also subtil dafür sorgen, dass Frauen sich unnötig zurückhalten und Leistungen von Männern und Frauen unterschiedlich bewertet werden.
Ungerechtigkeit vermeiden: Das können Sie tun
Wer also in einer Familie Breadwinner ist, das liegt sowohl an strukturellen Ungleichheiten als auch an überholten Rollenbildern. Damit die Situation aber für beide Partner gerecht bleibt, ist es wichtig, darüber zu sprechen:
- Reden Sie früh über Geld, Arbeitszeit und unbezahlte Arbeit. Nicht erst, wenn Konflikte da sind.
- Planen Sie Karriere als Team: Wer reduziert wann, und wie wird später ausgeglichen?
- Feiern Sie Rollenwechsel: Wenn eine Frau mehr verdient, ist das nicht „ungewöhnlich“, sondern auch ein gemeinsamer Erfolg.