Comeback der Softwareaktien: Wie viel Potenzial bleibt?

Mann sitzt verzweifelt vor Computer

Ist die Ära der etablierten Softwareanbieter vorbei? Die Sorge vor der Konkurrenz durch Künstliche Intelligenz (KI) hat die Kurse von Softwareaktien im ersten Halbjahr 2026 einbrechen lassen. Ein pauschales Urteil, ob sämtliche Geschäftsmodelle nun obsolet sind, greift jedoch zu kurz. Ein genauerer Blick zeigt, wie unterschiedlich die Risiken und Chancen tatsächlich ausfallen. 

Eine Analyse von Thomas Behnke, Busch und Partner| Werbemitteilung

Inhaltsverzeichnis
  1. Warum KI die Eintrittsbarrieren für Softwareanbieter senkt
  2. Burggräben aus Kundenbeziehungen, Daten und Integration bestehen weiter
  3. KI kostet: Der unterschätzte Preisfaktor
  4. Kein reiner Software-ETF, aber der IGV als Orientierung
  5. Adobe: Wie günstig ist der vermeintliche Verlierer wirklich?
  6. Dassault Systèmes: Wenn KI zum Kollegen statt zum Konkurrenten wird
  7. Roper Technologies: Software für die Nische
  8. Weiteres Kurspotenzial vorhanden?
  9. Investment-Beispiele

Warum KI die Eintrittsbarrieren für Softwareanbieter senkt

Der Ausverkauf bei den Softwareaktien hatte einen nachvollziehbaren Hintergrund. KI-Programmiertools wie Claude Code von Anthropic oder Codex von OpenAI können die Kosten für die Softwareentwicklung drastisch senken. Das stellt den Burggraben etablierter Anbieter infrage: Wenn neue Wettbewerber komplexe Software schneller und günstiger entwickeln können, verliert die hohe Entwicklungshürde an Bedeutung, die viele Softwareunternehmen bislang vor der Konkurrenz schützte. Ihre Geschäftsmodelle galten aufgrund dessen als wenig angreifbar und hochprofitabel. Doch diese Annahme gerät nun ins Wanken, was zu Bewertungsanpassungen an der Börse führte. Aber bedeutet KI wirklich das Ende für die Softwarehersteller?

Burggräben aus Kundenbeziehungen, Daten und Integration bestehen weiter

Dieselben Effizienzvorteile gelten auch für etablierte Anbieter. Vor allem aber lassen sich gewachsene Integrationen, proprietäre Datensätze und tiefe Netzwerkeffekte nicht einfach kopieren. Besonders deutlich wird das bei ERP-Systemen, jener Unternehmenssoftware, die Buchhaltung, Einkauf, Produktion und Personalwesen auf einer gemeinsamen Datenbasis zusammenführt, wie etwa bei SAP. Wer ein solches digitales Nervensystem einmal eingeführt hat, tauscht es nicht leichtfertig aus. Dass die Sorge vor KI-Disruption nicht jeden Branchenvertreter gleich trifft, zeigt das Beispiel von Cadence Design Systems: Die Aktie des Chipdesign-Entwicklers machte den Kurseinbruch vieler Softwarewerte gar nicht erst mit, weil steigende Nachfrage nach KI-Chips gleichzeitig auch die Nachfrage nach seinen Tools befeuert. Softwareaktien lassen sich daher nicht alle über einen Kamm scheren.

KI kostet: Der unterschätzte Preisfaktor

In der Diskussion um KI-gestützte Softwareentwicklung kommt zudem oft ein Aspekt zu kurz: KI-Modelle sind nicht kostenlos. Viele Anbieter rechnen nach Tokens ab, also nach der Menge an Code, Prompts und Daten, die verarbeitet werden. Für Unternehmen wird das schnell zu einem schwer kalkulierbaren Kostenfaktor. Denn je weniger Fachwissen die Mitarbeitenden mitbringen, desto mehr Anfragen und Korrekturschleifen sind nötig und desto höher fallen die Ausgaben aus. Daneben wirkt eine klassische Softwarelizenz mit festem Abopreis plötzlich wieder attraktiv, gerade weil sie eine verlässliche, geprüfte Qualität zu planbaren Kosten liefert. KI könnte den Wettbewerbs- und Preisdruck auf etablierte Hersteller zwar erhöhen. Ihre Geschäftsmodelle dürften dadurch aber nicht obsolet werden. Im Gegenteil: Auch Softwareentwickler können die KI-Tools einsetzen, um ihrerseits effizienter zu werden und Kosten zu senken. Die von Salesforce Ende August 2026 angekündigte Ausweitung der Kooperation mit Anthropic ist ein Beispiel dafür.

Kein reiner Software-ETF, aber der IGV als Orientierung

Ein unter Druck stehender, aber nicht am Ende angelangter Sektor könnte aus Anlegersicht interessant sein. Wer breiter gestreut statt in Einzeltitel investieren möchte, stößt hierzulande allerdings auf eine Einschränkung: Einen breiten ETF auf den gesamten Softwaresektor wie den iShares Expanded Tech-Software Sector ETF (IGV), der in den USA erworben werden kann, gibt es nicht. Als US-Produkt erfüllt der IGV nicht die europäischen UCITS-Anforderungen und ist in Deutschland nicht direkt handelbar. Er bietet dennoch einen guten Überblick über die US-Softwarebranche und kann als Ausgangspunkt für die Suche nach interessanten Einzeltiteln dienen. Darin enthalten ist auch Adobe. Kaum ein Softwarekonzern gilt als so anfällig für KI-Disruption wie der Konzern hinter Photoshop, Premiere und Acrobat.

Adobe: Wie günstig ist der vermeintliche Verlierer wirklich?

Die Adobe-Aktie hat seit dem Mehrjahreshoch im Februar 2024 mehr als 70 % an Wert verloren. Dadurch sank das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf Basis der Schätzungen für das Geschäftsjahr 2026/27 auf rund 11. Der Markt preist damit offenbar ein, dass generative KI-Bildgeneratoren die Kernprodukte des Unternehmens überflüssig machen könnten. 

Die operativen Zahlen zeichnen bislang jedoch ein anderes Bild. So erzielte Adobe im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2025/26 einen Umsatzrekord. Die operative Marge lag mit 35,4 % im Bereich des Fünfjahresschnitts von 35,6 % und deutlich über der Marge der profitablen Unternehmen aus dem IGV-ETF von rund 18,5 %. Tief in die Unternehmensabläufe eingebettete Kreativ-Workflows lassen sich zudem nicht einfach durch einzelne KI-Tools ersetzen. 

Adobe setzt selbst stark auf KI: Die eigene Software-Suite Firefly wächst schnell und wird zunehmend als kostenpflichtiges Feature in der Creative Cloud monetarisiert. Dabei integriert Adobe auch fremde KI-Modelle, wie etwa Googles Bild-KI „Nano Banana“. 

Ob sich die KI-Aktivitäten dauerhaft in zusätzliche Umsätze übersetzen lassen, ist noch offen. Hinzu kommt Konkurrenz, etwa durch Canva und CapCut, die mit einfacher Bedienung punkten und jeweils mehrere Hundert Millionen Nutzer erreichen.

Dassault Systèmes: Wenn KI zum Kollegen statt zum Konkurrenten wird

Der französische Softwarekonzern zeigt, wie unterschiedlich die einzelnen Branchen vom KI-Wandel betroffen sind. Über seine Plattform 3DEXPERIENCE entwickeln vor allem Nutzer aus den Bereichen Luft- und Raumfahrt, Automobilbau sowie Life Sciences ihre Produkte als digitale Zwillinge. 

Im Gegensatz zu reiner Business-Software geht es hier um hochspezialisiertes Ingenieurwissen, beispielsweise aus den Bereichen Statik oder Aerodynamik. Wer die komplette Entwicklungskette eines Flugzeugs oder Autos über Jahrzehnte hinweg in einer Plattform abgebildet hat, wechselt nicht kurzfristig. Zudem positioniert sich Dassault selbst als KI-Nutznießer und integriert KI-Agenten in seine Plattform. 

Die operative Marge fällt mit rund 22 % im Fünfjahresschnitt jedoch niedriger aus als bei reinen Cloud-Plattformen wie Microsoft mit 44 %. Grund dafür ist der hohe Anteil komplexer, kundenspezifischer Implementierungen. Genau diese Kundennähe macht das Geschäft abhängig von den zyklischen Investitionsbudgets der Anwender. Gleichzeitig ist es eine hohe Einstiegshürde gegenüber der KI-Konkurrenz.

Roper Technologies: Software für die Nische

Roper erwirbt im Softwaresektor gezielt Firmen, die geschäftskritische, hochspezialisierte Lösungen für Nischenmärkte wie das Gesundheitswesen, die Bildungsbranche oder die Versicherungswirtschaft anbieten. Diese sind nicht billig: So entsprach der Kaufpreis bei der Übernahme von CentralReach im Jahr 2025 etwa dem Zehnfachen des erwarteten Jahresumsatzes. 

Solche Aufschläge bergen jedoch auch Risiken. Wenn sinkende Entwicklungskosten künftig auch hochspezialisierte Nischenlösungen leichter kopierbar machen, sinkt der wirtschaftliche Vorsprung, für den Roper teuer bezahlt hat. Das könnte Abschreibungen auf den bilanzierten Goodwill zur Folge haben. 

Mit Blick auf die KI-Disruption verfolgt der Konzern hingegen die Strategie, KI im gesamten Portfolio zu verankern und seine Position bei den Kunden zu festigen. Der Vorteil gegenüber neuen Produkten besteht darin, dass Roper mit seinen Lösungen bereits beim Kunden etabliert ist.

Weiteres Kurspotenzial vorhanden?

Die Herausforderungen durch KI, etwa mehr Wettbewerb und Margendruck, sind nicht von der Hand zu weisen. Anbieter wie Adobe, Dassault Systèmes und Roper Technologies liefern mit robusten Kundenbeziehungen, eingebetteten Workflows und spezialisiertem Wissen jedoch Argumente für tragfähige Geschäftsmodelle. Zudem setzen sie selbst auf KI-Strategien, um sich an das veränderte Umfeld anzupassen. Von einem Ende der Ära der etablierten Softwarehersteller kann daher keine Rede sein, zumindest nicht pauschal.

Kursentwicklung von Adobe, Dassault Systèmes und Roper Technologies
Hinweis: Historische Wertentwicklungen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

Investment-Beispiele

Name ISIN Aktueller Kurs KGV* (2026) Gewinn/Aktie (2026**) Dividende (2026**) Dividendenrendite (2026**)
Adobe US00724F1012 228,40 EUR

10,84

21,07 EUR

0,00 EUR

0,00 %
Dassault Systèmes FR0014003TT8 21,13 EUR

15,77

1,34 EUR

0,28 EUR

1,33 %
Roper Technologies US7766961061 342,60 EUR 17,91 19,13 EUR 3,13 EUR 0,91 %

Stand: 15.09.2026  * KGV: Kurs-Gewinn-Verhältnis; ** Prognose (Quelle: ING)  

Autor: Thomas Behnke

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