Korea-Discount ade: Chip-Giganten im Fokus
In Seoul beginnt der Tag früh. Noch vor Sonnenaufgang bieten Händler auf den Großmärkten ihre Waren lautstark an, und die Preise werden im Sekundentakt neu verhandelt. Was hier gilt, gilt auch an den Aktienmärkten: Wer zu lange zögert, zahlt mehr. Jahrelang hieß dieses Zögern „Korea-Discount“. Südkoreanische Aktien galten als systematisch unterbewertet, gemieden von vielen internationalen Anlegerinnen und Anlegern. Doch dann kam 2025.
Eine Analyse von Thomas Behnke, Busch und Partner| Werbemitteilung
- Lange gemieden, jetzt gefragt: Was macht den KOSPI interessant?
- Iran-Krieg trifft Südkoreas Energieversorgung hart
- Samsung Electronics: Breite als Stärke und Schwäche
- SK hynix: Fokus schlägt Größe
- GDRs und ETFs: Der Weg in den koreanischen Aktienmarkt
- Seoul, Chips und die Frage nach dem fairen Preis
- Investment-Beispiele
Lange gemieden, jetzt gefragt: Was macht den KOSPI interessant?
Schwellenländer rückten 2025 wieder stärker in den Fokus globaler Investoren. Dazu zählt auch Südkorea, das von großen Indexanbietern noch immer als Schwellenland eingestuft wird, obwohl das Land längst den Charakter einer Industrienation hat. Der MSCI Emerging Markets Index verzeichnete 2025 auf Eurobasis eine deutlich bessere Kursperformance als der Nasdaq-100 und der S&P 500. Maßgeblich dazu beigetragen haben Samsung Electronics und SK hynix, die unter den Top-4 der größten Aktien des Emerging Markets Index rangieren. Beide zusammen bilden mit rund 40 % zudem das größte Gewicht im südkoreanischen Leitindex KOSPI.
Für die lange Zurückhaltung vieler Anlegerinnen und Anleger gab es mehrere Gründe. Südkoreanische Aktien wurden gemessen an ihren Gewinnen und Buchwerten systematisch günstiger bewertet als vergleichbare Unternehmen aus anderen Ländern. Dazu trugen undurchsichtige Konzernstrukturen, eine schwache Ausschüttungspolitik und die latenten politischen Spannungen zwischen Nord- und Südkorea bei.
Reformen zur Stärkung der Aktionärsrechte, eine neue Generation von Unternehmenslenkern mit Blick auf Kapitaleffizienz und frisches Interesse institutioneller Investoren aus aller Welt sorgen seit einiger Zeit für eine neue Aufbruchstimmung am südkoreanischen Aktienmarkt.
Iran-Krieg trifft Südkoreas Energieversorgung hart
Zu Beginn des Jahres 2026 setzte sich die positive Entwicklung zunächst fort. Anfang März zeigte der KOSPI dann jedoch eine deutliche Korrektur. An nur zwei Handelstagen verlor der Index ein Fünftel seines Werts, ausgelöst durch den Iran-Krieg. Südkorea ist in hohem Maße auf Erdöl- und Erdgasimporte aus dem Nahen Osten angewiesen. Die Sorge vor möglichen Energieengpässen trifft dabei besonders die energieintensiven Branchen des Landes, darunter die Halbleiterproduktion. Unternehmen wie Samsung Electronics und SK hynix betreiben hochkomplexe Fertigungsanlagen, die rund um die Uhr laufen und enorme Mengen an Energie benötigen. Schon kurzfristige Unterbrechungen oder steigende Energiekosten können die Produktionsprozesse hier empfindlich stören.
Samsung Electronics: Breite als Stärke und Schwäche
Samsung Electronics ist weit mehr als ein Chiphersteller. Im Halbleiterbereich entwickelt und produziert der Konzern klassischen Arbeitsspeicher (DRAM), Flash-Speicher für Smartphones, SSDs und USB-Sticks sowie hochspezialisierte KI-Speicher (HBM). Daneben betreibt er eine Foundry-Sparte, die Chips im Auftrag anderer Unternehmen fertigt, ähnlich wie der taiwanesische Marktführer TSMC. Anders als dieser ist Samsung jedoch gleichzeitig Wettbewerber seiner eigenen Foundry-Kunden.
Ein weiteres Standbein ist die Konsumelektronik mit Smartphones, Fernsehern und Haushaltsgeräten, die in etwa so viel zum Konzernumsatz beiträgt wie das gesamte Halbleitergeschäft. Diese Breite macht den Konzern widerstandsfähiger gegen zyklische Schwankungen, verwässert aber den Fokus. Die schiere Größe und finanzielle Stärke des Konzerns geben ihm jedoch die Mittel und das Potenzial, verlorenes Terrain zurückzugewinnen, sofern die Produktentwicklung wieder in die Spur findet. Beim besonders begehrten HBM-Speicher hatte Samsung zuletzt nicht nur Marktanteile, sondern seine langjährige Führungsrolle verloren.
SK hynix: Fokus schlägt Größe
SK hynix hat genau diesen Thron übernommen. Der Konzern ist fokussierter als Samsung: kein Smartphone-Geschäft, keine Haushaltsgeräte, kein Foundry-Auftragsbetrieb. SK hynix konzentriert sich ganz auf Speicherchips und ist in diesem Segment an die Weltspitze geklettert. Bei DRAM und HBM ist das Unternehmen heute Marktführer, mit einem HBM-Marktanteil von rund 60 % und Nvidia als wichtigstem Abnehmer. Auch bei NAND-Flash-Speicher für Rechenzentren und Unternehmens-SSDs gehört das Unternehmen zur Weltspitze. Die Konsequenz dieser Fokussierung zeigt sich in den Zahlen: 2025 erzielte SK hynix einen operativen Gewinn von 47 Billionen Won (rund 27,8 Milliarden Euro) und übertraf damit erstmals den gesamten Samsung-Konzern mit 44 Billionen Won (26 Milliarden Euro). Mit einer operativen Marge von 48,5 % gegenüber 13,2 % bei Samsung zeigt sich, wie viel effizienter die Fokussierung wirkt.
Allerdings hat auch das konzentrierte Speichergeschäft einen Haken: Es ist zyklisch und folgt einem bekannten Boom-Bust-Muster. Klassische Chips wie DRAM und NAND werden weitgehend wie Rohstoffe gehandelt, ihre Preise können in Abschwungphasen dramatisch einbrechen, wie SK hynix 2023 selbst erlebt hat. HBM hingegen ist ein hochspezialisiertes Premiumbauteil, das weltweit derzeit nur drei Hersteller für KI-Anwendungen der neuesten Generation fertigen können. Ob das die historische Zyklik dauerhaft bricht oder nur abmildert, bleibt die entscheidende Frage für Anlegerinnen und Anleger.
SK hynix erscheint mit einem KGV von rund 4, das deutlich unter dem historischen Durchschnitt von 11,8 liegt, attraktiv bewertet. Ähnliches gilt für Samsung mit einem KGV von 6 und einem historischen Mittelwert von 12,2 (Stand: 31.03.2026). Doch bei beiden Aktien sollte man die niedrigen Kennzahlen kritisch einordnen: Sie spiegeln ein außergewöhnlich positives Branchenumfeld und davon abgeleitete besonders hohe Gewinnerwartungen wider. Dreht der Zyklus, steigen die KGVs automatisch, ohne dass sich der Kurs bewegen muss. Die attraktive Bewertung ist damit eine Momentaufnahme, die es zusammen mit den genannten Risiken einzuordnen gilt.
GDRs und ETFs: Der Weg in den koreanischen Aktienmarkt
Wer südkoreanische Aktien dem Depot beimischen möchte, sieht sich damit konfrontiert, dass Direktinvestments an der koreanischen Börse für deutsche Privatanlegerinnen und -anleger kaum möglich sind. Es gibt jedoch einen Umweg. Für Samsung und SK hynix sind sogenannte GDRs (Global Depositary Receipts) an deutschen Börsen handelbar. Diese Hinterlegungsscheine verbriefen den Anspruch auf ausländische Aktien und sind über herkömmliche Depots zugänglich, ohne dass ein direkter Zugang zur koreanischen Börse nötig wäre. Bei Samsung stehen dabei zwei Varianten zur Wahl: ein GDR auf die Stammaktie (ISIN: US7960508882) und einer auf die Vorzugsaktie (ISIN: US7960502018), die keine Stimmrechte verbrieft. Während ein Samsung-GDR jeweils 25 Aktien bündelt, verbrieft der SK-hynix-GDR eine Aktie.
Wer breiter streuen möchte, kann auf ETFs zurückgreifen. Einen Indexfonds auf den KOSPI selbst sucht man an deutschen Börsen allerdings vergeblich. Eine vollständige Nachbildung wäre für ausländische ETF-Anbieter regulatorisch und operativ kaum umsetzbar. Sie weichen daher auf eigens konstruierte Indizes aus: Der größte in Deutschland erhältliche Korea-ETF bildet den FTSE Korea 30/18 Capped Index mit 152 Werten ab, andere setzen auf den MSCI Korea 20/35 mit 81 Einzeltiteln. Wem das zu spezialisiert ist, der kann Südkorea als Bestandteil von Emerging-Markets-ETFs ins Depot holen. Im MSCI Emerging Markets Index hatte das Land beispielsweise Ende März 2026 mit rund 15,5 % das drittgrößte Ländergewicht hinter China (25,5 %) und Taiwan (22,5 %).
Seoul, Chips und die Frage nach dem fairen Preis
Breite gegen Fokus, Aufschwung gegen Zyklik, günstige Bewertungen gegen geopolitische Fragilität: Südkorea bietet beides zugleich, Aufbruchstimmung und handfeste Risiken. Der Korea-Discount ist kleiner geworden, aber nicht verschwunden. Und ob Samsung seinen HBM-Rückstand aufholt, ob SK hynix die Premiumstellung beim KI-Speicher verteidigt und ob der südkoreanische Aktienmarkt insgesamt seinen Reformkurs hält, das sind Fragen, die noch keine endgültige Antwort haben. Wie auf den großen Märkten in Seoul lohnt es sich, genau hinzuschauen, bevor man zugreift.
Investment-Beispiele
| Name | ISIN | Aktueller Kurs | KGV* (2026) | Gewinn/Aktie (2026**) | Dividende (2026**) | Dividendenrendite (2026**) |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Samsung Electronics | US7960508882 | 2.880,00 EUR | 5,83 | 493,80 EUR | 23,73 EUR | 0,82 % |
| SK hynix | US78392B1070 | 594,00 EUR | 4,54 | 130,76 EUR | 2,57 EUR | 0,43 % |
| Franklin FTSE Korea ETF | IE00BHZRR030 | 63,17 EUR | - | - | - | - |
| iShares MSCI Korea ETF | IE00B0M63391 | 84,06 EUR | - | - | - | - |
* KGV: Kurs-Gewinn-Verhältnis; ** Prognose (Quelle: FactSet); Stand: 13.04.2026