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Es gibt mehr als das BIP

Chart of the Week

Gestern haben wir erste Informationen zum Wirtschaftswachstum im vierten Quartal bekommen. Laut ersten Schätzungen ist das deutsche Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 um 5 Prozent gesunken, womit der gefürchtete Double-Dip im vierten Quartal abgewehrt worden wäre. Verlässliche Daten werden wir jedoch erst am Ende des Monats erhalten. Diese ersten Zahlen sollten zunächst mit Vorsicht genossen werden, denn die aktuelle Krise hat zu beispiellosen Schwankungen in den monatlichen Daten geführt, was Vorabschätzungen erschwert. Zudem hat die aktuelle Krise auch wieder einmal gezeigt, dass BIP-Wachstum nicht alles ist.

Was das Bruttoinlandsprodukt nicht misst, sind die während der Lockdowns enormen Zuwächse in der unbezahlten Hausarbeit durch den Wegfall und die Verlegung in die eigenen vier Wände von Restaurantbesuchen und Kinderbetreuung. Genauso schwierig ist es, den Lohnausgleich durch den Staat gut abzubilden.

Es gibt aber noch viel mehr wohlfahrtsbeeinflussende Elemente in einer Volkswirtschaft, die nicht vom BIP erfasst werden: Ungleichheit, öffentliche Ausgaben für Bildung oder durch Kriminalität, Verkehrsunfälle, Luftverschmutzung, Bodenbelastung und Treibhausgase verursachte Kosten. Diese und einige weitere wohlfahrtssteigernde oder -reduzierende Faktoren werden in dem vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung entwickelten Nationalen Wohlfahrtsindex betrachtet. Der Index bietet einen alternativen Ansatz zur Beurteilung der Entwicklung einer Volkswirtschaft und zeigt, dass Wachstum nicht mit Wohlfahrtssteigerung gleichzusetzen ist.

Unser Chart of the Week zeigt den indexierten Verlauf des Bruttoinlandsprodukts sowie des Nationalen Wohlfahrtsindex seit 1991. Zu erkennen sind Phasen, in denen das Wirtschaftswachstum effizient war, also eine Wohlfahrtssteigerung damit einherging, aber auch ineffiziente Wachstumsphasen, in denen die Wohlfahrt sogar rückläufig war. Seit 2014 konnte die Wohlfahrt wieder jedes Jahr gesteigert werden, was zuletzt hauptsächlich an einem Anstieg der mit dem Gini-Index gewichteten privaten Konsumausgaben, sowie an sinkender Umweltbelastung lag.

Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes und des Nationalen Wohlfahrtsindex

Quelle: ING Economic and Financial Analysis; Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung; Prognose für BIP 2020

Leider gibt es noch keine Daten für 2019 und 2020 für diesen Wohlfahrtsindex. Es ist davon auszugehen, dass der Wohlfahrtsindex im Jahr 2020, wenn auch nicht so stark wie das BIP, gesunken sein wird.

Wenn es wirtschaftlich schlecht läuft, feiern alternative Indikatoren oft Hochkonjunktur. Häufig, um zu zeigen, dass es Land X oder Y doch gar nicht so schlecht geht. Der Vorteil von BIP-Daten ist, dass sie standardisiert sind und damit Vergleiche zwischen Jahren und Ländern möglich machen. Sie sind ein weltweiter Standard, der aber alles andere als makellos ist. Mit einer Wachstumssteigerung geht nicht zwangsläufig eine Steigerung der Wohlfahrt einher – das BIP als alleiniger Maßstab für den Wohlstand eines Landes ist längstens überholt, denn Wachstum ist nur dann effizient, wenn eine Steigerung der Wohlfahrt damit einhergeht.

Alternative volkswirtschaftliche Kennzahlen sind außerdem Thema der aktuellen Folge unseres Podcasts Carsten’s Corner.

Autor: Franziska Biehl