Gehandelt wird immer: Börsenbetreiber, ein cleveres Investment?
Wenn von der Börse die Rede ist, geht es meist um Anlageideen, Timing oder Risiken. Dabei bleibt eine Frage häufig unbeachtet: Wer verdient eigentlich mit, unabhängig davon, ob die Kurse steigen oder fallen? Genau an diesem Punkt richtet sich der Blick auf die Börsenbetreiber. Weshalb ist dieses Geschäftsmodell so spannend, und wo liegen seine Grenzen?
Eine Analyse von Thomas Behnke, Busch und Partner| Werbemitteilung
- Wie der Betrieb von Marktplätzen funktioniert
- Skalierbare Umsätze und hohe Margen
- Die zehn größten Börsenbetreiber nach Marktkapitalisierung
- Warum Börsenbetreiber einen Burggraben besitzen
- Bewertung: Unterschiede innerhalb des Sektors
- Börsenbetreiber als langfristige Investments
- Investment-Beispiele
Wie der Betrieb von Marktplätzen funktioniert
Wer Investmententscheidungen selbst trifft, benötigt ein Raster für tragfähige Geschäftsmodelle und fokussiert sich häufig auf etablierte, profitable Unternehmen mit Wettbewerbsvorteilen. In dieses Profil passen Börsenbetreiber. Sie sind heute weit mehr als der laute Handelssaal aus dem Film: Sie sind Marktinfrastrukturanbieter mit einer integrierten Wertschöpfungskette.
Dies beginnt bei Kursdaten und Marktinformationen, auf deren Basis Investoren Entscheidungen treffen. Der anschließende Handel mit Aktien, Anleihen, Derivaten, Rohstoffen oder Devisen läuft dann überwiegend über elektronische Plattformen. Für jede ausgeführte Transaktion fallen Gebühren an, die einen wichtigen Teil der Erlöse ausmachen.
Ein weiterer Baustein ist das Clearing: Eine zentrale Gegenpartei tritt zwischen Käufer und Verkäufer, verrechnet die Geschäfte und stellt sicher, dass beide Seiten ihre Verpflichtungen erfüllen können. Anschließend erfolgen die Abwicklung und Verwahrung von Wertpapieren sowie das Sicherheiten- und Liquiditätsmanagement.
Ergänzt wird dieses Kerngeschäft durch das Listing, also die Zulassung von Unternehmen und Wertpapieren zum Handel, etwa im Rahmen von IPOs oder neuen Anleihen und Fonds. Hinzu kommen Services wie die Erstellung von Indizes, Analyseplattformen oder Reporting-Lösungen. Viele dieser Angebote werden in Form von Abonnements oder Lizenzmodellen vertrieben und sorgen so für wiederkehrende, gut planbare Erlöse.
Skalierbare Umsätze und hohe Margen
Aus dieser Struktur ergeben sich gleich mehrere Vorteile, die das Geschäftsmodell von Börsenbetreibern interessant machen. Der Erfolg hängt nicht von der Richtung der Märkte ab, sondern vom Handelsvolumen und von der Nutzung der Infrastruktur. In Phasen erhöhter Volatilität steigt die Aktivität, während die wiederkehrenden Erlöse aus Abonnements und Lizenzen die Ergebnisse in ruhigeren Zeiten stabilisieren. Hinzu kommen Zinserträge aus im Clearing hinterlegten Sicherheiten, die je nach Zinsumfeld zusätzliche Erträge ermöglichen.
Das führt in der Regel zu robusten Cashflows. Handelsplattformen lassen sich zudem gut skalieren: Zusätzliche Transaktionen verursachen nur geringe Mehrkosten. In Verbindung mit schlanken Kostenstrukturen führt dies, trotz unterschiedlicher strategischer Schwerpunkte, zu einer hohen Profitabilität.
Die operative Marge der zehn nach Marktkapitalisierung größten Börsenbetreiber lag im Jahr 2024 zwischen 21,6 % und 67,3 %. Der Durchschnitt von 47 % ist damit mit den Werten von Technologiekonzernen wie Microsoft (48,9 %), Apple (31,7 %) oder Alphabet (30,5 %) vergleichbar. Einzelne Börsenbetreiber wie die CME Group oder die Hong Kong Exchanges and Clearing (HKEX) erreichen mit Werten von über 60 % sogar noch höhere Werte. Beide zählen zu den größten Marktinfrastrukturanbietern weltweit.
Die zehn größten Börsenbetreiber nach Marktkapitalisierung
Gleich vier der zehn größten Börsenbetreiber stammen aus den USA und unterstreichen damit die Rolle des Landes als weltweit bedeutendster Finanzplatz.
| Unternehmen | Land | Marktkapitalisierung |
|---|---|---|
| CME Group | USA | 97,2 Mrd. USD |
| Intercontinental Exchange | USA | 91,6 Mrd. USD |
| Hong Kong Exchanges and Clearing | Hongkong | 68,2 Mrd. USD |
| London Stock Exchange Group | Großbritannien | 60,2 Mrd. USD |
| Nasdaq | USA | 55,5 Mrd. USD |
| Deutsche Börse | Deutschland | 47,7 Mrd. USD |
| Cboe Global Markets | USA | 26,0 Mrd. USD |
| Euronext | paneuropäisch | 15,1 Mrd. USD |
| Singapore Exchange | Singapur | 14,3 Mrd. USD |
| B3 Brasil, Bolsa, Balcão | Brasilien | 12,5 Mrd. USD |
Stand: 02.01.2026
Warum Börsenbetreiber einen Burggraben besitzen
Unabhängig von ihrer regionalen Verankerung weisen die Geschäftsmodelle der Börsenbetreiber vergleichbare strukturelle Wettbewerbsvorteile auf:
- Netzwerkeffekte: Eine hohe Liquidität zieht weitere Marktteilnehmer an und verstärkt die Attraktivität des Handelsplatzes.
- Hohe Eintrittsbarrieren: Der Betrieb von Börsen, Clearinghäusern und Verwahrstellen unterliegt strengen regulatorischen Anforderungen.
- Hohe Wechselkosten: Handelssysteme, Abwicklungsprozesse, Datenfeeds und Sicherheitsmechanismen sind tief in die Abläufe der Marktteilnehmer integriert.
Allerdings gibt es auch eine Reihe spezifischer Risiken des Geschäftsmodells:
- Operative Risiken: Hohe Abhängigkeit von stabilen IT-Systemen. Ausfälle, Störungen oder Cyberangriffe können Handel und Vertrauen beeinträchtigen. Die zunehmende Systemkomplexität erhöht die Anforderungen an Infrastruktur und externe Dienstleister. Wie sensibel dieses Thema ist, zeigte sich zuletzt bei der CME Group: Ende November musste der Handel an allen Märkten ausgesetzt werden, nachdem es in den Rechenzentren eines Dienstleisters zu Kühlproblemen kam.
- Regulatorische Risiken: Gesetzesänderungen, strengere Vorgaben zu Markttransparenz, Clearing oder Eigenkapital sowie kartellrechtliche Prüfungen können Geschäftsmodelle beeinflussen.
- Wettbewerbs- und Preisdruck: Alternative Handelsplattformen, neue Technologien (z. B. tokenisierte Wertpapiere) oder regulatorisch geförderte Marktzugänge können einzelne Marktsegmente unter Druck setzen.
Bewertung: Unterschiede innerhalb des Sektors
Die strukturellen Stärken und Risiken sind bei den einzelnen Unternehmen unterschiedlich stark ausgeprägt und führen zu größeren Unterschieden bei deren Bewertung. Europäische Anbieter wie die London Stock Exchange Group, Euronext und die Deutsche Börse kommen derzeit auf Basis der für 2026 erwarteten Cashflows auf Kurs-Cashflow-Verhältnisse (KCV) von rund 12,4, 14,4 und 16,2. Die großen US-Börsenbetreiber, die Singapore Exchange sowie der brasilianische Marktführer B3 liegen hingegen im Bereich von etwa 16,5 bis 24,6. Am oberen Ende der Skala rangiert aktuell die HKEX mit einem KCV von rund 38 (Stand: 02.01.2026).
Die Spannweite der Bewertungen erklärt sich durch verschiedene Strategien, Marktstellungen, Wachstumserwartungen und regionale Rahmenbedingungen. Bei europäischen Börsenbetreibern spielen unter anderem eine geringere Wachstumsdynamik im Handel, eine im Vergleich zu US-Anbietern höhere Bedeutung des klassischen Aktiengeschäfts sowie ein fragmentierter Kapitalmarkt mit begrenzteren Skaleneffekten eine Rolle. Niedrigere Cashflow-Multiplikatoren sind daher nicht automatisch als Unterbewertung zu interpretieren, sondern spiegeln häufig unternehmens- und marktstrukturelle Herausforderungen wider. Höhere Bewertungen lassen sich dagegen durch spezielle Stärken erklären. Dazu zählen bei der CME Group die dominante Stellung im globalen Derivatehandel und bei der HKEX der privilegierte Zugang zum chinesischen Kapitalmarkt.
Börsenbetreiber als langfristige Investments
Börsenbetreiber verfügen über ein etabliertes und vergleichsweise stabiles Geschäftsmodell. Dieses lebt nicht von der kurzfristigen Marktrichtung, sondern von der Handelsaktivität insgesamt. Während Anlegerinnen und Anleger auf steigende oder fallende Kurse von Aktien, ETFs oder anderen Anlagen setzen, verdienen die Betreiber der Marktplätze an jeder Transaktion. Wer an der Börse investiert, kann daher auch die Betreiber dieser Infrastruktur als langfristige Anlage in Betracht ziehen und damit nicht nur in Märkte, sondern auch in deren Fundament investieren.
Investment-Beispiele
| Name | ISIN | Aktueller Kurs | KGV* (2026) | Gewinn/Aktie (2026**) | Dividende (2026**) | Dividendenrendite (2026**) |
|---|---|---|---|---|---|---|
| CME Group | US12572Q1058 | 224,05 EUR | 22,29 | 10,05 EUR | 9,36 EUR | 4,18 % |
| Deutsche Börse | DE0005810055 | 211,60 EUR | 17,86 | 11,85 EUR | 4,45 EUR | 2,10 % |
| Hong Kong Exchanges and Clearing | HK0388045442 | 46,33 EUR | 30,28 | 1,53 EUR | 1,22 EUR | 2,63 % |
* KGV: Kurs-Gewinn-Verhältnis; ** Prognose (Quelle: FactSet); Stand: 12.01.2026