Finanzfrage des Monats

Ist Containern wirklich verboten? | 20.03.2020

Würden Sie Haustürbetrüger erkennen?

Tag für Tag landen Lebensmittel tonnenweise im Abfallcontainer. Viele Verbraucher fischen noch genießbare Produkte dann wieder aus dem Müll – das nennt sich Containern. Doch ist das wirklich verboten? Damit befasst sich unsere Finanzfrage des Monats.

Dellen in den Tomaten, braune Flecken auf den Äpfeln oder abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum auf der Margarine: Viele Supermärkte oder Gastro-Betriebe werfen Lebensmittel weg, obwohl sie noch genießbar sind. Für viele Menschen eine unerträgliche Verschwendung. Sie gehen zu den Abfallcontainern und holen sich die Nahrungsmittel heraus. Machen sie sich damit in Deutschland tatsächlich strafbar? Darum dreht sich diesmal unsere Finanzfrage des Monats. Die Antwort lautet: Ja.

Was Containern überhaupt ist

Wer weggeworfene, aber noch genießbare Lebensmittel für den eigenen Bedarf aus Abfallcontainern herausholt, containert. Ein anderes Wort dafür in Deutschland ist Mülltauchen. Auch der englische Begriff „Dumpster Diving“ ist gebräuchlich.

Welche Menschen containern

Es sind nicht nur Bedürftige, die Essbares aus Abfallcontainern fischen. Oft sind es auch Aktivisten, die mit nächtlichem Containern ihren Unmut gegen die Wegwerfmentalität dieser Gesellschaft kundtun.

Ihre Meinung zählt!

Wie viele Lebensmittel in Deutschland im Container landen

Pro Jahr sind es mehrere Millionen Tonnen. Wobei es hierzu nur Schätzungen gibt:

  • 11 Millionen Tonnen: Von einem Umfang in dieser Höhe geht die Bundesregierung aus. Sie hat eine Initiative gegen Lebensmittelverschwendung ins Leben gerufen. „Zu gut für die Tonne“ heißt das Projekt, mit dem die Bundesregierung die Verschwendung bis 2030 halbieren will.
  • 18 Millionen Tonnen: In diesem Umfang werden nach Angaben der Umweltorganisation WWF deutschlandweit pro Jahr Lebensmittel verschwendet.

Warum Containern strafbar ist

Abfallcontainer stehen in aller Regel auf privaten Grundstücken wie etwa einem Supermarkt, einem Gastro-Betrieb oder einer Fabrik. Kommunale oder private Betriebe kümmern sich darum, die Inhalte der Container zu entsorgen. Nach dem Abfallrecht gehören die Inhalte der Container bis zu ihrem Abholen dem sogenannten Wegwerfer beziehungsweise dem Grundstückeigentümer.

Wer sich Lebensmittel aus dem Container fischt,

  • begeht zum einen Diebstahl. Im Strafgesetzbuch (StGB) heißt es im Paragraph 242, Absatz 1: „Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Im Absatz 2 des gleichen Paragraphen heißt es: „Auch der Versuch ist strafbar.“
  • begeht zum anderen Hausfriedensbruch. Paragraph 123 Abs.1 StGB besagt: „Wer in die Wohnung, in die Geschäftsräume oder in das befriedete Besitztum eines anderen oder in abgeschlossene Räume, welche zum öffentlichen Dienst oder Verkehr bestimmt sind, widerrechtlich eindringt, oder wer, wenn er ohne Befugnis darin verweilt, auf die Aufforderung des Berechtigten sich nicht entfernt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“

Containern legalisieren – Warum der Vorstoß scheiterte

Viele Verbraucher verstehen die Welt nicht mehr: Warum sollte das Mitnehmen von weggeworfenen Lebensmitteln strafbar sein, fragten sie sich. Derjenige, der sie entsorgt, braucht oder will sie offenbar nicht mehr. Und derjenige, der sie nimmt, kann sie gut gebrauchen. Soweit die Theorie. Hamburgs Justizsenator Till Steffen (Grüne) griff die Sache auf. Er stellte bei der Justizministerkonferenz im Mai 2019 den Antrag, Containern zu legalisieren. Doch die Mehrheit der CDU-Länder lehnte die Initiative ab. Die Gründe für das Nein:

  • Das Containern wird als menschenunwürdig und hygienisch problematisch gesehen.
  • Die Frage, wer haftet, falls jemand verdorbene Lebensmittel aus Containern isst und krank wird, ist ungeklärt.

Es bleibt also alles beim Alten: Containern ist strafbar.
 
Übrigens: Auch der Dachverband Tafel Deutschland hätte es für wünschenswert gehalten, das Containern zu entkriminalisieren. Nötig ist aus Verbandssicht aber auch ein gesellschaftliches Umdenken. Womit gemeint ist: Jeder sollte für sich sein Einkaufsverhalten auf den Prüfstand stellen. Nicht alles, was man kauft, braucht man offenbar.

Was anderswo gilt

In Frankreich etwa ist das Verschwenden von Lebensmitteln strafbar. Supermärkte mit mehr als 400 Quadratmetern Ladenfläche sind per Gesetz verpflichtet, aussortierte Nahrungsmitteln an Bedürftige weiterzugeben. Wer dagegen verstößt, muss mit einer saftigen Geldstrafe rechnen.

Autor: ING


Ihre Meinung

Kommentare (13)


Kommentare

DaSta

09.04.2020

Why doesn‘t ING ask people, if they support a change of these laws? Collecting votes and sending them to responsible law makers could make a difference. Writing about it alone, is doing


Konfuzius

09.04.2020

Konfuzius sagt: Die Verschwendung von Lebensmitteln ist ein Verstoß gegen die Gesetze von Himmel und Erde und steht noch über den dreitausend Verbrechen. Dieses Vergehen ist so schlimm, daß es dafür gar keine Strafe mehr gibt.
Solange Lebensmittel weggeschmissen werden und ihre Weiterverwendung oder -beschaffung strafbar sind, geht es dieser Welt noch viel zu gut. Ein Hoch auf Frankreich!


Thiemo

07.04.2020

Mit gesundem Menschenverstand könnte man das "Problem" sicher lösen - wenn man es wollte.
Man könnte die Haftungsfrage festlegen, wie bei nicht gestreuten Privatwegen, man könnte die Güter in speziell markierten Behältern entsorgen, ...
In einer marktwirschaftlich orientierten Welt ist dafür aber kein Platz, weil es kein Geld bringt. Das Problem ist der Maßstab: Wenn Geld die Welt regiert, dann zählt auch nur, was Geld bringt.

Die Leute, die Containern, haben m.E. einen anderen Maßstab: Was zum Essen hergestellt wurde, sollte auch gegessen und nicht vernichtet werden. Es gibt genug, was verdirbt und deshalb weggeworfen wird, da muss man verwertbares nicht auch noch wegschmeißen.

Solange der Supermarkt dafür haftet, er monetär-gewinnorientiert handelt und er (finanziellen) Mehraufwand hat, die verwertbaren Lebensmittel so weiterzugeben, dass sie ohne Containern Menschen helfen, wird sich da auch kaum was ändern.

Aber vielleicht kommt der eine oder andere Supermarkt ja auch mal auf den Gedanken, dass Gewinnmaximierung nicht das einzige sinnvolle Ziel ist.

Klar, man muss es sich leisten können als Supermarkt, aber die Politik und die Gesellschaft können Rahmenbedingungen schaffen, die den Supermarkt finanziell nicht zu sehr belasten und trotzdem verwertbare Lebensmittel der Gesellschaft zuführen, statt sie wegzuwerfen.

Ein erster Schritt ist das Anbieten reduzierter Waren, die kurz vor dem Ablaufdatum stehen.

Es wäre schön, hier von Supermärkten u.ä. zu hören, die versuchen nicht nur Schätze auf Erden, sondern auch im Himmel zusammeln.


F. R.

03.04.2020

Nicht umsonst sitzen Tausende von Lobbyisten in Berlin und Zehntausende in Brüssel oder Strassburg. Sie vertreten nicht nur die Interessen der großen Konzerne, nein, sie regieren mit. Sie bestimmen mit, welche gesetzlichen Regelungen, die sie betreffen, eingeführt werden, und welche nicht. Und wenn ein Gesetz doch kommt, enthält es eine Hintertür, die es den Konzernen leicht macht, das Gesetz zu umgehen. Große Wirtschaftsunternehmen arbeiten ausschließlich gewinnorientiert. Schließlich wollen ihre Großaktionäre größtmögliche Gewinne einfahren. Soziale Interessen spielen dabei keine Rolle. Weshalb sonst schaffen wir es nicht einmal wie Frankreich, aussortierte Lebensmittel an Bedürftige abzugeben. Ausnahme: Abgabe bestimmter Mengen einiger Lebensmittelhändler an die Tafeln.


HaJo in D

03.04.2020

"Verboten!" Das ist deutsch. Aber was soll man auch von einer Gesellschaft erwarten, in der das höchste Kulturgut derzeit Klopapier ist? Wozu nachdenken, wenn es Vorschriften gibt, hinter denen man sich verstecken kann. Gesunder Menschenverstand? Pragmatisches Denken? Definitiv Fehlanzeige und nicht "made in Germany".


Manfred

01.04.2020

Selbstverständlich ist auch das Aneignen von bereit gestelltem Sperrmüll verboten. Mit der Bereitstellung geht das Eigentum am Sperrmüll jedenfalls bei uns im Landkreis auf das Landratsamt über. Das nicht autorisierte Mitnehmen ist damit Diebstahl. Meistens bringt es bloß niemand zur Anzeige. Das Landratsamt kriegts nicht mit und denen, die den Sperrmüll los werden wollen ist am Wichtigsten, dass der Plunder weg ist.


Gerd

01.04.2020

Containern ist verboten, warum das Durchwühlen und Aneignen des bereitgestellten Sperrmülls durch Unbefugte nicht?


freies Unternehmertum?

30.03.2020

@steve76
Es ist genau dieses "freie Unternehmertum", welches seit 200 Jahren die Menschen heute heuert und morgen feuert - und seitdem Milliarden Menschen weltweit ins Unglück gestürzt hat. Und diese eiskalten, skrupellosen, profitgeilen Lumpen sind für Sie also die Lösung des Problems. Ihr Weltbild ist echt erstaunlich, genauso wie das der politisch korrekten Lügner auf unserer einzigen Erde.


HinGucker

28.03.2020

Also ich finde ja, solange der Einzelhandel die Philosophie lebt.....nur volle Regale sind schöne Regale wird das Problem bestehen bleiben.
Ich selbst "Vertreibe" ein tägliches Lebensmittel. Und obwohl ich weiss, das sich ein bstimmtes Produkt nicht abverkauft, wird von mit verlangt dieses immer wieder frisch aufzufüllen. Hauptsache der Umsatz ist da.
Auch die moderne Art der Mengenerfassung steuert dazu bei. Ein Glas verkauft und es wird gleich ein Sechserpack nachbestellt. Unabhängig davon das sich nur ein Glas in drei Monaten verkauft. Das führt oft zu ablauf des MHD schon im Ladenregal. Und dann landet es in der Tonne. Fatal finde ich daran, das die Politik und die Medien dann von pro kopf Aufkommen sprechen und die mündigen Bürger wiede als schuldigen hinstellen. Nein, es fängt bei dieser unsinnigen Überproduktion von Lebensmitteln an.
Ber wer zuerst mit erhobenen Zeigefinger brüllt und auf andere zeig, lenkt von sich ab.
Containern ist leider illegal aber moralisch richtig!
Ende


Marxer

26.03.2020

Die Stiftungen (Steueroasen mitten unter uns) in Deutschland enteignen und die Erträge zu sozialen Zwecken spenden. Besser als die Millionenboni Empfänger die ohne Rücksicht auf Verluste unser Sozialsystem ausplündern. Die investieren in Grossgrundbesitz in Südamerika und beuten dort noch heftiger aus.


steve76

26.03.2020

Na klar, und nächste Woche nimmt sich jeder einfach was ihm gefällt. Gibt ja genug. Und jeder darf natürlich selbst bewerten, ob irgendein Ding X beim anderen im Überfluss vorhandenen ist. Containern zu legalisieren ist in so vielerlei Hinsicht ein Armutszeugnis im wahrsten Sinne, ach was, es ist eine Kapitulationserklärung. Und es ist wie Aspirin gegen Gehirntumor. Menschen brauchen Arbeit. Menschen brauchen fair bezahlte Arbeit. Dadurch werden sie zu Mitgliedern der Gesellschaft, tragen etwas bei, haben eine Bedeutung. Das wollen die meisten armen Menschen, Anstand und Würde und wahrgenommen werden. Und solche Menschen wollen nichts umsonst oder Almosen und müssen auch nicht containern. Sie kaufen ganz normal im Laden ein. Faire Löhne, genug Arbeitsplätze, freies Unternehmertum. Alles Sachen, die sowas wie Sozialverbände und überhaupt Sozialstaat erst möglichen machen. Der Überfluss an Lebensmittel ist, wie der Milchsee oder der Butterberg in 80ern ein logistisches und regulatives Problem. Im Gegenteil, dieses Problem wird nicht nur nicht abgestellt sondern kein Mensch wird sich mehr darum scheren. Weil, es gibt ja genug Leute die die Container dann leer machen.


oekoschwein

26.03.2020

Die Interessenlage des Wegschmeissenden ist klar: Sein Geschäftsinteresse ist, dass man in seinen Laden kommt und Ware aus den Regalen mit Geld bezahlt, nicht umsonst aus dem Container fischt. Deshalb hat er einen Geschäftsschaden vom Containern.

Die Interessenlage der Gesellschaft ist auch klar: Sie will, dass Waren, deren Produktion mit Umweltverbrauch verbunden war, dann wenigstens zweckentsprechend genutzt wird.

Zwischen beiden Positionen gilt es abzuwägen. Angesichts der Übernutzung der Welt, die die Menschheit zur Zeit betreibt, finde ich, die Abwägung sollte zu Gunsten der Gesellschaft und der Umwelt und zu Lasten des individuellen Geschäftsinteresses erfolgen. Die CDU ist der umgekehrten Meinung. Bilde sich jeder seine Meinung selbst!


Uhrmann

25.03.2020

In Frankreich sind sie deutlich fortschrittlicher. Bei uns haben Bedenkenträger die Oberhand