Finanzfrage des Monats

Kann man sagen, dass Inflation ein Motor der Volkswirtschaft ist? | 07.10.2020

Geld, das von Himmel fällt?

Wenn die Kosten für die Lebenshaltung nach oben gehen, fordern Gewerkschaften meist steigende Löhne und Gehälter. Denn in den privaten Haushalten soll es möglichst kein Loch in der Kasse geben. Kann man daher sagen, dass die Inflation ein Motor der Volkswirtschaft ist? Das ist diesmal unsere Finanzfrage des Monats.

Brötchen, Käse, Gemüse oder Orangensaft: Mal angenommen, die Preise für solche und andere Nahrungsprodukte ziehen kräftig an. Dann bekommt ein Verbraucher für das ihm zur Verfügung stehende Haushaltsbudget weniger Waren als zuvor. Infolgedessen fordern Arbeitnehmer und Gewerkschaften von den Arbeitgebern höhere Löhne und Gehälter, damit der Lebensunterhalt ohne große Einbußen weiter bestritten werden kann. Diese Wechselwirkung kann eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen. Ist somit die Inflation, der Preisauftrieb, ein Motor der Volkswirtschaft? Damit setzt sich dieses Mal unsere Finanzfrage des Monats auseinander. Die Antwort lautet: Nur bedingt.

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„Inflationsrate ist eine Art Fieberthermometer“

Aus Sicht der Europäischen Zentralbank (EZB) ist eine leichte Teuerung von jährlich knapp unter 2 % ideal, da so die Wirtschaft kontinuierlich wächst: Verbraucher wie Unternehmen werden ermuntert, Anschaffungen und Investitionen zu tätigen – und sie nicht auf die lange Bank zu schieben, in der Hoffnung, es könnte preisgünstiger werden. Jedoch kann eine Inflationsrate über der Zwei-Prozent-Marke einer Volkswirtschaft eher schaden als nutzen. „Die jeweilige Inflationsrate ist eine Art Fieberthermometer, die anzeigt, wie gut es einer Volkswirtschaft geht“, sagt Markus Demary vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Was ist eine Inflation?

„Inflation“ – das lateinische Wort „inflare“ heißt übersetzt so viel wie „aufblähen“. Es gibt also „aufblähende“ – sprich: steigende – Preise, wenn es in einer Volkswirtschaft zu einer Inflation kommt. „Dabei kann es durchaus passieren, dass Lebensmittel teurer werden, Preise etwa für Elektronikwaren hingegen sinken“, erklärt Demary. Ergo müssen unterm Strich die Lebenshaltungskosten insgesamt steigen, damit von einer Inflation gesprochen werden kann.

Eine hohe Inflationsrate bremst eine Volkswirtschaft aus

Die Preise und die Geldmenge in einer Volkswirtschaft sollen möglichst stabil bleiben, um eine zu hohe Inflation zu verhindern. In Deutschland beobachtet die Deutsche Bundesbank die Geldmenge und die Preisentwicklung. Jeden Monat bestimmt das Statistische Bundesamt die Inflationsrate. Bei einer hohen Inflationsrate verliert das Geld an Wert, was durchaus Folgen hat. Etwa, wenn die Benzinpreise steigen, die Arbeitnehmer aber nicht mehr Geld verdienen. Lassen sie deswegen ihre Autos öfters stehen, machen Tankstellen weniger Umsatz. Werden Autos nicht mehr gefahren und folglich weniger neue angeschafft, schlägt das bis auf die Autoindustrie durch. In der Branche könnte Personal abgebaut werden und die Arbeitslosigkeit steigen.

So wird die Inflationsrate ermittelt

Um die Inflationsrate zu ermitteln, stellen die Statistiker einen Warenkorb zusammen und listen die Preise zum Beispiel für Computer, Käse und Heizöl auf. Der ermittelte Preisindex gibt an, ob sich die Preise für die Güter des Warenkorbs im Zeitverlauf verändert haben. „Die Inflationsrate errechnet sich aus dem Preis des gesamten Warenkorbs in einem Monat im Vergleich zum Preis des gleichen Warenkorbs im Vorjahresmonat“, erläutert Demary.
 
Oberste Wächterin der Inflation im Euro-Raum ist die EZB. Die sogenannte Preisniveaustabilität ist eine ihrer zentralen Aufgaben. Um dieses Ziel zu erreichen, strebt die EZB in den EU-Mitgliedsländern eine jährliche Inflationsrate von knapp unter 2 % an.

Gibt es hohe Inflationsraten in Deutschland?

Früher ja – aktuell nein.

  • Zu Beginn der 1970er Jahre kam es zur ersten Ölpreiskrise. Weil die arabischen Ölstaaten im Herbst 1973 die Förderung drosselten und ein Embargo verhängten, erhöhte sich der Ölpreis um das Vierfache. Das traf die deutsche Wirtschaft zutiefst, da Öl für sehr viele Produkte und damit zusammenhängende Dienstleistungen benötigt wurde. In der Folge stiegen die Preise. Die Inflationsrate in Deutschland lag 1973 bei 7,1 %.
  • Ende der 1970er Jahre kam es erneut zu einem Ölpreisanstieg, woraufhin zu Beginn der 1980er Jahre die Inflationsraten ein Niveau von rund 6 % erreichten.
  • Und in den 1990er Jahren? Die Inflationsrate schwankte – „für das gesamte Jahrzehnt lag sie im Zwei-Prozent-Schnitt“, so Demary.
  • Seit 2010 liegt die Inflationsrate eher unter 2 %. Die Preise erhöhten sich im Schnitt nur sehr moderat, die Wirtschaft wuchs.

„Momentan stehen die Zeichen auf Deflation“

„Die Phasen der hohen Inflationsraten scheinen vorbei, jetzt in der Corona-Krise stehen die Zeichen eher auf Deflation“, sagt Demary. Eine Deflation geht genau in die andere Richtung als eine Inflation: Die Preise sinken auf Dauer. Das Warenangebot übersteigt die Nachfrage. Was verlockend klingt, kann ebenfalls verheerende Folgen für eine Volkswirtschaft haben. Denn Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück, weil sie wenig umsetzen und verdienen. Verbraucher schieben Ausgaben auf, weil sie hoffen, demnächst manche Produkte noch billiger zu bekommen. Wer infolge der eingetrübten Konjunktur arbeitslos geworden ist, gibt ebenfalls weniger Geld aus, weil er nun mit weniger Einkommen auskommen muss.

Das Fazit?

Hohe Inflationsraten sind für eine Volkswirtschaft ebenso hinderlich wie eine Deflation. Daher ist für Ökonomen Preisstabilität das A&O. Eine jährliche Teuerungsrate von knapp unter 2 % wird bislang angestrebt, um die Wirtschaft am Laufen zu halten und Wachstum zu ermöglichen. „Die Inflationsrate zeigt an, wie gut oder wie schlecht es einer Volkswirtschaft geht“, resümiert Demary.

Autor: ING


Ihre Meinung

Kommentare (5)


Kommentare

Ronald

19.10.2020

"Verbraucher wie Unternehmen werden ermuntert, Anschaffungen und Investitionen zu tätigen – und sie nicht auf die lange Bank zu schieben, in der Hoffnung, es könnte preisgünstiger werden."

Diese Erklärung macht keinen Sinn. Eher in der Hoffnung dass es in der Zukunft noch teurer wird.


Jörg Bokemeyer

19.10.2020

ein paar Anmerkungen
Seit der Einführung muss die Bundesbank zwangsweise hedonische Verfahren nutzen. (Qualitätsverbesserungen z.b. bei Grafikarten einrechnen), dadurch ist die Inflation ab der Euro Einführung nicht mit den Zahlen davor vergleichbar. Dazu müsste man wenn überhaupt auch Qualitätsverschlechterungen einrechnen(z.b. Deutsche Bahn wird von einen Jahr auf das nächste unpünktlicher) was aber natürlich nicht gemacht werden darf.
Inflation ist natürlich immer schlecht, aber besonders schlimm ist sie wenn die Erwartungen der Geldsystembenutzer massiv von der späteren Wirklichkeit abweicht.
Der starke Anstieg der Geldmenge hat nichts mit der Inflation am Hut. Was wir ja auch sehr gut zur Zeit sehen. Zwar haben wir eine deutlich höhere Inflation wie die EZB behauptet, aber doch nicht im Ansatz eine solche wie wir haben müssten wenn die Geldmenge eine wichtige Rolle spielen würde. Die Lösung ist das das neu geschaffene Geld bei den ganz Reichen landet und die das Geld im Assetgeldmengenkreislauf belassen und nicht zu den normalen Menschen durchsickert zum Konsumgeldmengenkreislauf und daher auch nicht Infaltionswirksam ist. Wir sehen daher zum Teil eine Assetpreisinflation und das sehr Reiche eine deutlich höhere Cashquote haben.
Hyperinflationen entstehen eh nicht durch die Geldmenge sondern durch eine extrem schlechte Zentralbankbilanz so das die Zentralbank die Geldmenge nicht mehr einsammeln kann wenn sie angegriffen wird, weil die Assets die sie für die neue Geldmenge geschafft hat wertlos sind.
Was man sehr gut an 1923 in Deutschland sieht. Nach der Währungsreform ist die Geldmenge weiter fröhlich um das 15 fache gestiegen, aber Herr Schacht hat keinen Schrott mehr in die Zentralbankbilanz genommen und daher kam es nicht zu eine hohen Inflation.


Reimer

19.10.2020

Bei der Ermittlung der Inflationsrate scheinen Immobilienpreise, Energiepreise und Handwerkerleisungen keine Rolle zu spielen.
Ansonsten hätten wir wohlin den letzten 6-10 Jahren Inflationsraten von über 6 %.


Ernst-Peter Nawothnig

19.10.2020

Jaja, der ominöse Warenkorb! Er orientiert sich immer noch vor allem am gefüllten Aldi-Einkaufswagen. Da glaube ich, dass die Inflation unter 2% liegt. Für Immobilen, Pflegeleistungen, Energie, Versicherungen, ÖPNV und den ganzen Bespaßungssektor würde ich gerne mal die wahre Zahl erfahren.


Gast

18.10.2020

Die tatsächliche Inflationsrate ist meiner Meinung nach deutlich höher als die amtliche, weil der sogenannte statistische Warenkorb mit der Realität nicht sehr viel zu tun hat. Elektronische Güter oder Luxusgüter, die man nur alle Jubeljahre kauft, haben eigentlich überhaupt keine Aussagekraft über die gefühlte Inflation, Immobilien- und Assetpreise werden erst gar nicht berücksichtigt. Für mich dienen diese Angaben nur zur Rechtfertigung der ultralockeren Geldpolitik der Zentralbanken und Regierungen.