Verkehrswende

Große Unterschiede bei Mobilität zwischen Stadt und Land | 10.09.2020

Geld, das von Himmel fällt?

Unsere Mobilität muss sich verändern – weg vom Verbrenner, hin zu alternativen Mobilitätsformen. In den Städten kann der Umstieg problemlos gelingen, dank ÖPNV, Leih- oder Sharing-Konzepten. Auf dem Land sei das weitaus schwieriger, meinen Mobilitätsexperten.

Laut der ADAC-Studie zu „Mobilitätssicherung auf dem Land“ wirkt sich vor allem der demografische Wandel auf die Mobilität im ländlichen Raum aus: Junge Erwachsene zieht es für Ausbildung oder Studium in die Städte. Auf dem Land zurück bleiben vor allem ältere Menschen, die häufig nicht mehr selbst Auto fahren (können).
 
Deshalb fordert der Allgemeine Deutsche Automobil-Club e. V. (ADAC) mehr Mobilitätsangebote auf dem Land und empfiehlt auch für den ländlichen Raum eine Verknüpfung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) mit privaten oder gewerblichen Ridesharing-Angeboten. Damit ältere Menschen nicht ausgeschlossen werden, sollten die Angebote nicht nur digital buchbar sein, sondern auch über klassische Wege wie Ticketautomaten.

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Ridesharing: die „neue“ Mitfahrgelegenheit

„Es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen Stadt und Land“, sagt auch Dr. Fabian Schroth, Mobilitätsexperte beim Center for Responsible Research and Innovation des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). In den Großstädten boomen Angebote wie Car- und Ridesharing oder Leihroller. „Auf dem Land gibt es noch kein Geschäftsmodell für die Sharing-Angebote, die es in den Städten gibt", erklärt Schroth. Doch der Verkehrsexperte glaubt, dass gerade das Ridesharing auf dem Land gut funktionieren kann – zumal das Konzept bei der dortigen Bevölkerung als „Mitfahrgelegenheit“ schon lange bekannt sei.

Keine Bürgersteige, keine Fahrradwege auf Landstraßen

Eine andere gute Alternative zum eigenen Auto sind Elektrofahrräder. Sie machen das Radfahren bequemer, meint Schroth. Das Problem: „An den Landstraßen gibt es keine Fahrradwege, teilweise nicht mal Bürgersteige.“ Das erschwere auch den ÖPNV auf dem Land, denn wer eine Bushaltestelle erreichen möchte, müsse auch mal auf der Landstraße laufen.

Einzelne Lösungen haben keinen Effekt

Mobilität sollte als übergreifendes Konzept betrachtet werden, meint Mobilitätsexperte Schroth. Einzelne Lösungen, die nicht miteinander verknüpft sind, werden keinen Effekt haben. „Das ist mit allen Angeboten so: Es funktioniert nur, wenn man sie als Teil eines Systems versteht.“
 
Diese Meinung teilt Dr. Martina Kohlhuber, Leiterin Themenschwerpunkt Mobilität bei acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. „Es geht vor allem darum, durch Vernetzung eine bessere Mobilität zu entwickeln. Diese Mobilität bringt den Individualverkehr mit Auto, Fahrrad oder zu Fuß ganz selbstverständlich mit dem öffentlichen Verkehr und den Sharing- und Mikromobilitätsdiensten zusammen.”

Moderne Mobilität: individuell, simpel, komfortabel

Dafür brauche es verkehrsträgerübergreifende Angebote, die auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten, einfach und komfortabel seien – ganz gleich, wie alt eine Person sei, ob sie in der Stadt oder auf dem Land wohne, zur Arbeit pendele oder auf Dienstreise sei. „Nur so schaffen wir Anreize, Mobilität weniger am eigenen Auto festzumachen”, sagt Kohlhuber. Moderne Mobilität bedeutet in diesem Sinne also mehr individuelle Mobilität bei insgesamt weniger motorisiertem Individualverkehr.
 
„Eine moderne Mobilität stellt die Nutzerinnen und Nutzer in den Mittelpunkt. Dass das Verkehrssystem klimafreundlicher, gar klimaneutral werden muss, steht ja nicht mehr zur Diskussion”, sagt Kohlhuber. Doch auch der monetäre Preis von Mobilität spiele eine Rolle, sagt Schroth. Allerdings sei Geld nicht der herausragende Aspekt, denn dann würden die Menschen bereits weniger Auto fahren. Wichtiger sei es, dass die Angebote leicht zugänglich und bequem seien – ganz wie ein eigenes Auto. „Das Auto ist für viele Menschen ein Allzweckmittel. Man kann alleine damit fahren, mit mehreren Menschen, man kann Sachen transportieren", erklärt Schroth. Man werde nicht alle Funktionen des Autos ersetzen können.

Wie Autofahren unbequemer wird

Der Verkehrsexperte betont, dass neue Mobilitätsformen auch eine neue Mobilitätsphilosophie benötigen. Um eine neue Denkweise zu entwickeln und die Verhaltensweisen der Menschen nachhaltig zu verändern, könnten Verkehrsplaner an einfachen Stellschrauben drehen. So hat der Berliner Senat etwa während des Corona-Shutdowns im März und April in Berlin temporäre Fahrradwege errichtet. Zwar hat das Berliner Verwaltungsgericht Anfang September einem Eilantrag gegen die Pop-up-Radwege stattgegeben und die Verkehrssenatsverwaltung verpflichtet, die Radwege wieder aufzuheben. Doch ähnliche Ideen gibt es bereits in Hamburg, München und anderen Großstädten. Eine große infrastrukturelle Herausforderung, aber: „Die Fahrradfahrer haben das Gefühl, es werde etwas für sie getan, gleichzeitig wird das Autofahren dadurch unbequemer“, sagt Schroth.

Autor: ING


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Kommentare (2)


Kommentare

Winkler

22.09.2020

Menschen die keine Fahrerlaubnis besitzen, werden bei Ihrer Meinungsforschung ausgeblendet. Ich nutze den ÖPNV und das Fahrrad. Glücklicherweise gibt es um Leipzig gute Anbindungen an das öffentliche Verkehrsnetz. Ansonsten muss noch viel getan werden, um
immobilen Menschen die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Das geht nur mit territorialer Zusammenarbeit.


Mensch

21.09.2020

Wenn die Menschen wieder dort arbeiten könnten wo sie wohnen, könnte sehr viel Verkehr "eingespart" werden.
Ebenso wenn wieder lokal produziert wird und Dinge nicht zur Montage oder aus sonstigen unnützen, aber gewinnbringenden, Gründen quer durch Europa oder die ganze Welt gefahren werden.
Mobilität bedeutet Freiheit.