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Digitaler Euro - Überlegungen im Überblick

Staatliche Digitalwährung: Was ist das und was soll das überhaupt?

Die EZB steht zunehmend unter Druck, einen digitalen Euro zu ermöglichen. Doch was steckt hinter diesem Vorhaben und was bringt das? 

Während China seine staatliche Digitalwährung bereits testet, steht die Europäische Zentralbank (EZB) zunehmend unter Zugzwang. Denn: Europa hinkt dieser Entwicklung hinterher. Immer lauter werden aus der Wirtschaft die Forderungen, einen digitalen Euro zu schaffen. Noch ist das Zukunftsmusik. Aber was steckt eigentlich dahinter?

Als Schein oder Münze – so präsentiert sich der Euro klassischerweise. Ein digitaler Euro bringt vor allem der Wirtschaft Vorteile. Der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr zum Beispiel, der derzeit oft mehrere Tage dauert, könnte binnen Sekunden erfolgen. Auch ließen sich Finanztransaktionen von Unternehmen automatisieren und damit beschleunigen.

Digitale Währungen als Wettbewerbsvorteil

Der digitale Euro ist etwa in Form von Zentralbankgeld (CBDC) denkbar. „Die Digitalwährung muss nicht zwangsläufig ein Ersatz für Bargeld sein, vielmehr könnte sie Bargeld ergänzen“, sagt Professor Philipp Sandner. Er leitet an der Frankfurt School of Finance & Management das dort angesiedelte Blockchain-Center und ist Mitglied des FinTech-Rats des Bundesfinanzministeriums. Der FinTech-Rat hat kürzlich ein Positionspapier „Der digitale programmierbare Euro“ veröffentlicht.

Aus Sandners Sicht sind elektronische Währungen nicht zu unterschätzen. Sie könnten in einer digitalen und globalisierten Welt ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein. Das ist auch der Grund, warum sich die Wirtschaft für den digitalen Euro starkmacht.

China mit DCEP, Facebook mit Libra

Während in China der Test der Digitalwährung DCEP läuft, will Facebook-Chef Mark Zuckerberg mit der digitalen Währung Libra Ende des Jahres an den Start gehen.

  • Das ist DCEP - Chinese Digital Currency Electronic Payment: Damit soll es in China nicht nur ein digitales Bezahlsystem geben, sondern auch eine echte digitale Währung, die künftig im internationalen Banken- und Zahlungsverkehr zum Einsatz kommt. Um ihr innerhalb Chinas zur Akzeptanz zu verhelfen, werden staatliche Leistungen in der neuen digitalen Währung ausgezahlt. So bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als sich damit auseinanderzusetzen. Zugleich eröffnet dies der Regierung die Möglichkeit, die Bedeutung der chinesischen Währung in der Welt zu erhöhen – sie soll global einen hohen Marktanteil erreichen.
  • Das ist Libra: Facebook nennt Libra eine globale Währung. Mit ihr sollen Geldtransfers über Ländergrenzen hinweg schneller und günstiger werden. Libra verfolgt das Ziel, traditionellen Währungen eine neue Zahlungsinfrastruktur zu geben. Ursprünglich war geplant, eine Art Währungskorb zu schaffen – verschiedene Währungen werden gewichtet zusammengefasst zu einer Einheit. Inzwischen, in Version 2.0, entwickelt sich Libra zunehmend zu einer globalen Plattform, zu der mehrere Einzelwährungen hinzugefügt werden können. Weitere Infos gibt es hier.

Bankenverband und Bitkom fordern rasches Handeln

Angesichts des Vorsprungs von China und Facebook drängt in Europa die Zeit. Ein schnelles und entschlossenes Handeln fordert hierzulande etwa der Bundesverband deutscher Banken (BDB). Mitte Juni 2020 veröffentlichte er ein Positionspapier zu „Europas Antwort auf Libra“. Darin beschreibt der Verband allgemein das Potenzial eines digitalen programmierbaren Euro und kommt zu dem Schluss, dass Europa bei der Digitalwährung im Rückstand ist. Ähnlich sieht es der Digitalverband Bitkom: Wenn nicht zügig gegengesteuert werde, bestehe die Gefahr, dass die EU ihre geldpolitische Souveränität verliere. Dann könnten Europäer künftig bei den attraktiven, weil effizienten digitalen Bezahlmodellen nur noch auswählen, ob sie die chinesische oder amerikanische Variante bevorzugen.

Was für den digitalen programmierbaren Euro spricht

„Mit ihm, dem digitalen programmierbaren Euro auf Blockchain-Basis, könnten innerhalb weniger Sekunden Geldüberweisungen getätigt werden, und zwar egal, in welches Land“, erklärt Sandner. Solche schnellen Geldtransfers bei geringen Transaktionskosten sind vor allem im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr eine wichtige Voraussetzung für europäische Unternehmen, ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. „Gerade für Deutschland als Exportnation und auch als Industriestandort ist der digitale programmierbare Euro wichtig“, betont Sandner.

Kleiner Exkurs – Blockchain-Technologie: „Blockchain“ heißt übersetzt Blockkette. Darüber funktioniert auch die Kryptowährung Bitcoin. Datenblöcke sind zu einer Kette gereiht, über die neben digitalen Währungen auch Wertpapiere transferiert werden. Um das zu ermöglichen, erfolgt eine Umwandlung von Werten oder Euros in digitale Einheiten.

Weitere Vorteile - bis hin zu Kleinstbeträgen

  • Geldflüsse könnten durch sogenannte Smart Contracts (intelligente Verträge) programmiert werden. Smart Contracts sind selbstausführende Verträge, die automatisierte Prozesse wie etwa Zinszahlungen, aber auch die Abwicklung von Krediten oder etwa Leasing über ein dezentrales Blockchain-Netzwerk ermöglichen. Das spart Zeit und den Einsatz von Mittelsmännern. Ein Beispiel: Eine Firma fordert für ihre Auto-Herstellung in China Komponenten an, die via Luftfracht innerhalb eines Tages nach Deutschland versandt werden. Der hierfür fällige Geldbetrag ist indessen mehrere Tage, mitunter sogar Wochen unterwegs. Mit einem digitalen programmierbaren Euro erfolgt die Zahlung prompt.
  • M2M-Zahlungen (Machine to Machine) erfolgen ohne menschliche Interaktion.
  • Integration von Leistung und Gegenleistung: Der Verkauf von Wertpapieren steht an. Dafür werden Wertpapiere als „Leistung“ transferiert. Im Gegenzug fällt ein Euro-Betrag als „Gegenleistung“ an. Bis der Betrag beim Verkäufer eingeht, können Tage vergehen. Mit dem digitalen programmierbaren Euro passiert das ruckzuck.
  • Micro Payments: Über die Blockchain-Technologie wäre es möglich, auch kleinste Beträge effizient zu transferieren. „Solche Kleinstbeträge werden in Zukunft erforderlich sein, wenn zum Beispiel ein Elektroauto nach einigen Minuten Ladezeit einen Bruchteil einer kWh konsumiert hat“, heißt es im Positionspapier des FinTech-Rats des Bundesfinanzministeriums.

So geht es weiter

Um einen digitalen programmierbaren Euro zu ermöglichen, empfiehlt das Positionspapier des Bankenverbands eine öffentlich-rechtliche Partnerschaft (Public Private Partnership, PPP). Aufgabe des privaten Sektors wäre es, innovative und intelligente Lösungen für die Anwender zu entwickeln. Zum Part des öffentlichen Sektors gehört es, kontrollierte und regulierte Rahmenbedingungen zu schaffen und zugleich für Sicherheit wie Stabilität des Finanzsystems zu sorgen.

Sandner und seine Mitstreiter haben zudem eine Roadmap als offenen Brief veröffentlicht. Sie sieht eine schrittweise Einführung des digitalen programmierbaren Euros innerhalb von vier Jahren vor. Demnach könnte eine "kleine Lösung" schon nächstes Jahr von der Privatwirtschaft entwickelt werden. Die "große Lösung" könnte von der EZB bis Ende 2024 aufgesetzt werden.

Autor: ING