Inflation, Ende der Preisanstiege in Sicht?

Taugen Sachwerte als Inflationsschutz?

Ob beim Wochenendeinkauf, an der Zapfsäule oder beim Blick auf die Stromabrechnung, die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher mussten in den vergangenen Monaten feststellen, dass die Preise teils kräftig gestiegen sind. Laut Statistischem Bundesamt lag die Inflationsrate in Deutschland im Juni 2021 bei +2,3 %. Damit erhöhten sich die Verbraucherpreise im Vorjahresvergleich bereits den sechsten Monat in Folge. Die leicht gesunkene Dynamik des Preisanstiegs – im Mai lag die Inflationsrate bei 2,5 % – sollte nicht überbewertet werden, denn Experten zufolge dürfte das Ende der Fahnenstange in Sachen Teuerung noch nicht erreicht sein. So äußerte EZB-Direktorin Isabel Schnabel im Mai, dass die Inflationsrate in Deutschland kurzfristig sogar die Marke von 3,0 % überschreiten könne.

Anstieg teilweise durch Sondereffekte begründet

Wie aus den jüngsten Daten des Bundesamts hervorgeht, stiegen die Preise für Waren im Zeitraum von Juni 2020 bis Juni 2021 überdurchschnittlich um 3,1 %. Besonders stark verteuerten sich die Preise für Energie, die im Juni 2021 um 9,4 % über dem Vorjahresniveau lagen – nach einem Anstieg von 10,0 % im Mai 2021.

Für diese Entwicklung gibt es mehrere Gründe. So notierten die Preise für Energieprodukte vor einem Jahr – bedingt durch den Nachfrageeinbruch infolge der Corona-Pandemie – auf einem außergewöhnlich niedrigen Niveau. Aufgrund der von der OPEC und den wichtigsten Ölförderländern beschlossenen Drosselung der Öl-Fördermenge sowie der mit dem Abflauen des Pandemiegeschehens erwarteten Erholung der Nachfrage stiegen die Preise in den zurückliegenden Monaten deutlich an. Daraus resultiert im Jahresvergleich ein sogenannter Basiseffekt. Als temporärer Sondereffekt trug die von der Bundesregierung zu Beginn dieses Jahres eingeführte CO2-Abgabe für die Bereiche Verkehr und Gebäude ebenfalls zur Teuerung bei.

Mit der Umsatzsteuersenkung vom vergangenen Jahr (1. Juli 2020 bis 31. Dezember 2020) wird sich ein weiterer Sondereffekt im zweiten Halbjahr 2021 bemerkbar machen. Im Vergleich zu den Vorjahreswerten wird die Entwicklung der aktuellen Preise entsprechend höher ausfallen. Sollten die im ersten Halbjahr 2021 gesehenen Lieferengpässe bei Vorprodukten wie z. B. Halbleitern oder Holz anhalten, ist davon auszugehen, dass deren Preise weiter steigen und die Unternehmen die höheren Preise an ihre Kundinnen und Kunden weitergeben.

EZB sieht keinen Grund zum Handeln

Sorgen vor einer dauerhaft hohen Inflation hält die Europäische Zentralbank jedoch für unbegründet. Sie rechnet derzeit nur mit einem vorübergehenden Anstieg der Teuerung. In diese Richtung deutet auch die Anfang Juli 2021 verkündete Strategieanpassung in Sachen Preisstabilität. Demnach strebt die EZB nun eine Teuerungsrate von 2,0 % an und präzisierte damit das bisherige Ziel von „unter, aber nahe 2,0 %“, bei dem die Währungshüter die Preisstabilität als gewahrt ansehen. Zugleich will die EZB ein moderates Überschreiten der Zielmarke von 2,0 % für einen gewissen Zeitraum tolerieren, was ihr Spielraum für ein längeres Festhalten an der stark gelockerten Geldpolitik ermöglicht.

Sachwerte als Inflationsschutz?

Für alle, die Geld anlegen wollen, bedeutet dies, dass sie sich mit einem Spannungsfeld aus anhaltend niedrigen Zinsen und einer steigenden Inflation auseinandersetzen müssen. Gold gilt gemeinhin als wertbeständig und klassischer Inflationsschutz. Das Gegenargument, wonach das Edelmetall im Vergleich zu anderen Anlageklassen keine Erträge wie z. B. Zinsen oder Dividenden abwerfe, verliert im aktuellen Niedrigzinsumfeld zwar an Gewicht, ein Blick auf die Kursentwicklung der Vergangenheit zeigt jedoch, dass der Goldpreis und somit auch der Wert eines Investments in Gold teils hohen Schwankungen unterworfen sein können. Aufgrund der Notierung in US-Dollar kommt für Anlegerinnen und Anleger aus dem Euroraum ein Währungsrisiko hinzu, das sich positiv (starker US-Dollar ggü. Euro) oder negativ (schwacher US-Dollar ggü. Euro) auf die Rendite des Investments auswirken kann.

Eine selbst genutzte Immobilie kann nicht nur als Inflationsschutz dienen, sondern macht zudem als Vorsorge für das Alter Sinn, Stichwort Mietersparnis. Das niedrige Zinsumfeld kommt all jenen, die mit einem Kauf liebäugeln, sehr gelegen. Allerdings sind die Preise für Immobilien in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Hinzu kommen höhere Preise für Baumaterialien infolge der bereits erwähnten Lieferengpässe. Ob der Erwerb einer Immobilie vor diesem Hintergrund finanzierbar ist, muss im Vorfeld genau abgeklärt werden.

Mit verzinslichen Anlagen lassen sich angesichts der anhaltend niedrigen Zinsen kaum nennenswerte Erträge erzielen. Um dem mit der Teuerung einhergehenden Verlust an Kaufkraft zu begegnen, sollte aber eine positive Rendite nach Abzug der Inflation angestrebt werden. Die Chance darauf bietet der Aktienmarkt. Aktien sind Sachwerte und kommen somit ebenfalls als Inflationsschutz infrage. Jedoch sollte man sich bewusst sein, dass bei Investments am Aktienmarkt immer das Risiko größerer Kursschwankungen besteht. Zugleich zeigt ein Blick auf den DAX oder den amerikanischen S&P 500, dass sich Aktienindizes von Kurseinbrüchen wie im Zuge der Finanzkrise oder zu Beginn der Corona-Pandemie wieder erholen können. Wenngleich die Historie nicht als verlässlicher Indikator für künftige Entwicklungen herangezogen werden kann, sollten kurzfristige Kursschwankungen für Anlegerinnen und Anleger, die den für Aktieninvestments empfohlenen längerfristigen Anlagehorizont mitbringen, kein Problem darstellen. Mit der im Gegenzug für das erhöhte Risiko einhergehenden höheren Renditeerwartung haben sie die Chance auf eine Rendite, die auch nach Abzug der Inflation positiv ausfällt.

Autor: ING-DiBa AG