Kann Wirtschaft ohne Wachstum funktionieren?

Ideen für mehr Nachhaltigkeit

Die Wirtschaft wächst. Bei solchen Worten lehnen sich Viele zufrieden zurück, der Wohlstand scheint gesichert. Doch kann es immer so weitergehen mit dem Wirtschaftswachstum? Schließlich sind unsere Ressourcen endlich – und Klimaschutz ist nötiger denn je.

Manche Ökonom*innen machen sich vor diesem Hintergrund für eine Wirtschaft ohne Wachstum stark und werben für eine sogenannte Postwachstumsökonomie. Andere Fachleute können dieser Idee nichts abgewinnen. Zwar sind sie ebenfalls für eine nachhaltige(re) Wirtschaft, sie wollen dieses Ziel aber auf anderen Wegen erreichen.

Geringeres Wirtschaftswachstum wegen des Ukraine-Kriegs erwartet

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat unlängst wegen des Krieges in der Ukraine und der damit einhergehenden unsicheren Lage die Erwartungen an das Wirtschaftswachstum deutlich zurückgeschraubt. Nach ihren Berechnungen soll

  • die Weltwirtschaft 2022 nur noch um 3% zulegen und damit deutlich langsamer als die noch im Dezember 2021 erwarteten 4,5% wachsen.
  • das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2022 nur noch um 1,9% steigen – im vergangenen Dezember lag die Prognose noch bei 4%.
     

Nachhaltige Wirtschaft – ohne Wachstum?

Es gibt also durchaus noch ein Wirtschaftswachstum, allerdings ist es verhaltener. Und in Zukunft steigen die Wachstumsprognosen irgendwann wieder? Gut möglich. Aber es gibt Stimmen, die sagen, dass das gesamte Wirtschaftssystem kollabieren könnte.

Über lange Zeiten nutzte die Menschheit fossile Ressourcen wie etwa Braunkohle, Erdgas und -öl. Der damit einhergehende CO2-Ausstoß ist verantwortlich für den Klimawandel. Um ihn auszubremsen, sind Veränderungen nötig – auch in der Wirtschaft. Für ein Ende des Wachstums, also eine Wirtschaft ohne Wachstum, plädiert zum Beispiel der Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech.

Mehr Reparaturen, weniger Besitz = weniger Arbeit, weniger Wachstum

Paech fordert nicht zuletzt aus Klimaschutz-Gründen eine Postwachstumsökonomie. Dafür sei die Bereitschaft der Menschen vonnöten, weniger zu besitzen. So müsse entsprechend weniger produziert werden, was sich wiederum auf den Arbeitsmarkt auswirkt: Statt einer 40-Stunden-Woche reiche dann eine wöchentliche Arbeitszeit von 20 Stunden.

„Die nun freigestellten 20 Stunden könnten für handwerkliche Ergänzungsleistungen und kooperative Formen der Selbstversorgung verwendet werden“, schreibt Paech in einem Blogbeitrag. Konkret sieht das so aus:

  • Gemeinschaftliche Nutzung: An die Stelle von industrieller Herstellung treten soziale Bindungen. Was sich etwas abstrakt liest, heißt nichts anderes, als Gebrauchsgegenstände mit anderen zu teilen. „Doppelte Nutzung bedeutet halbierter Bedarf“, so Paech. Bei Tauschbörsen oder auf Tauschpartys treten Menschen miteinander in Kontakt und bieten sich gegenseitig Gebrauchsgegenstände an.
  • Verlängerte Nutzung: Wer weniger arbeiten muss, hat mehr Zeit, Sachen zu reparieren – statt sie zu entsorgen und neu zu kaufen. „Wo es gelingt, die Nutzungsdauer durch Instandhaltung, Reparatur oder Umbau zu verdoppeln, könnte die Produktion neuer Objekte entsprechend halbiert werden“, erklärt Paech. Damit dies gelingt, braucht es Werkstätten und Reparatur-Cafés – sowie Netzwerke, um Leistungen und Erfahrungen auszutauschen.
  • Eigene Produktion: Warum nicht Obst und Gemüse in Haus-, Dach- oder Gemeinschaftsgärten anbauen? Das stärkt die Eigenverantwortung und macht unabhängig vom Handel. Und warum nicht ausrangierte Gegenstände kreativ wiederverwerten – zum Beispiel zwei defekte Laptops auseinandernehmen und aus den Einzelteilen ein funktionsfähiges Gerät erstellen?
     

Aber lässt sich die Wirtschaft so ohne weiteres zu einer Postwachstumsökonomie entwickeln? Aus Sicht von Paech setzt dies ein Umdenken voraus. Menschen müssten bereit sein, mit weniger materiellem Wohlstand und mit weniger Kaufkraft zu leben. Der neue Reichtum heißt dann: Zeit haben. An einer genügsameren und nicht mehr wachsenden Wirtschaft führe auf kurz oder lang kein Weg vorbei – weil die Ressourcen einfach nicht reichen.

Was gegen das Modell Wirtschaft ohne Wachstum spricht

Doch viele Ökonom*innen setzen hinter der Idee der Wirtschaft ohne Wachstum ein Fragezeichen. Eines der Argumente der Kritiker: Die Weltbevölkerung wächst stetig, nur mit Wirtschaftswachstum lässt sie sich versorgen, und nur mit Wirtschaftswachstum lassen sich Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern ausgleichen.
 

Übrigens: Ein einzelnes Land wie etwa Deutschland kann aus Sicht der Kritiker nicht einfach beschließen, wirtschaftlich nicht mehr zu wachsen. Das würde im Wettbewerb mit anderen Staaten zu ökonomischen Verlusten führen, der Wohlstand wäre gefährdet. Damit das Modell Aussichten auf Erfolg hat, müssten alle Staaten gemeinsam entscheiden, wirtschaftlich nicht mehr zu wachsen.

Wirtschaft ohne Wachstum – eine „First World-Idee“?

Der Baseler Umweltökonom Frank Krysiak etwa sagt, dass Postwachstum vor allem eine „First World-Idee“ sei. Wer nach Sambia oder Äthiopien geht, werde wenige Menschen finden, die ein solches Modell befürworten. Wo Hunger herrscht, brauche es mehr Lebensmittel. Krysiak wirbt dafür, zwischen quantitativem und qualitativem Wachstum zu unterscheiden.

Als Beispiel für qualitatives Wachstum nennt er biologisch produziertes Fleisch, das teurer ist als Fleisch aus Massentierhaltung. „Wenn ich meinen Fleischkonsum halbiere, aber Fleisch kaufe, das dreimal so teuer ist, entsteht am Ende weiterhin Wachstum“, so Krysiak. In der Folge steigt das Bruttoinlandsprodukt. Man handelt also nachhaltig und sorgt zugleich für Wirtschaftswachstum.

Ein weiterer Punkt mit Blick auf Klimaschutz: „Wir können heute mit erneuerbaren Energien unsere Klimaziele erreichen, selbst wenn der Energieverbrauch steigt“, erklärt Krysiak. „Diese Entkopplung von Ressourceneinsatz und wirtschaftlichem Wachstum müssen wir anerkennen.“

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