Aktienhandel & Psychologie
Ruhig handeln trotz Volatilität und FOMO
Bei einem Investment an der Börse fühlt man sich ganz nah am Puls des Geschehens. Sekunden haben Gewicht. Nachrichten sind nicht mehr nur Informationen, sondern auch Impulse – sie lassen Kurse zucken, Stimmungen kippen und die Charts auf dem Bildschirm flimmern. Es liegt eine gespannte Erwartung in der Luft: Was passiert als Nächstes?
Doch während man diese schnellen Bewegungen zunächst als aufregend erlebt, verändert sich mit der Zeit die Wahrnehmung. Je größer die Positionen werden, desto abstrakter wird das Geld, das man bewegt, das psychologische Empfinden verschiebt sich. Dazu kommt: Digital verliert man Zahlen, bar verliert man Geld. Auf dem Screen sind 100.000 Euro nur eine Zahl – bar sind sie real. Das echte Gefühl für „Geld in der Hand“ geht ein Stück weit verloren.
Die gute Nachricht ist: Gefühle lassen sich verstehen, trainieren und in bessere Entscheidungen übersetzen. Dieser Beitrag zeigt, wie die Psychologie der Geldanlage genutzt werden kann, um souverän zu investieren und negative Impulse in Schach zu halten.
Warum sich Gefühle so stark melden
An der Börse begegnen sich Chancen, Risiken und Verantwortung: Es geht nicht zuletzt um Erspartes, um Pläne und um Sicherheit. Mit solch einem bedeutungsschweren Hintergrund im Gepäck schmerzen besonders Verluste enorm. Die Verhaltensökonomen und Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Amos Tversky beschrieben im Rahmen ihrer Prospect Theory die Verlustangst als besonders ausgeprägt: „Losses loom larger than gains“ – Verluste wiegen stärker als gleich große Gewinne, lautet ihre grundlegende Erkenntnis. Typischerweise verstärkt sich die Angst, je mehr Verluste ein Anleger zu „verkraften“ hat.
Dazu kommen Stressreaktionen bei hoher Volatilität. „Viele Anleger überschätzen ihre Fähigkeit, rationale Entscheidungen zu treffen – besonders in volatilen Marktphasen“, mahnt Mario Lüddemann, Geschäftsführer der Lüddemann Investments GmbH. „Häufig handelt dann nicht der Verstand, sondern das Bauchgefühl – am Kapitalmarkt in aller Regel ein schlechter Ratgeber“, sagt der erfahrene Trader. Wer allerdings diesen Zusammenhang erkennt und versteht, kann gezielt darauf reagieren, statt ihm hilflos ausgeliefert zu sein.
Gewöhnung ja, Gleichgültigkeit nein
Mit zunehmender Erfahrung setzt oft ein Gewöhnungseffekt, die sogenannte Habituation, ein: Was anfangs starke Emotionen auslöst – Kurssprünge, Verluste, hektische Marktphasen –, wird mit der Zeit vertrauter. Die Ausschläge wirken weniger bedrohlich, weil man sie schon erlebt hat.
Diese Gewöhnung kann helfen, überlegter zu handeln. Gleichzeitig besteht die Gefahr, Risiken zu unterschätzen, weil sich selbst große Schwankungen irgendwann „normal“ anfühlen. Gewöhnung gelingt besser, wenn Einsätze zum eigenen Risikoprofil passen und eine Sicherheitsreserve sowie Zeithorizont definiert sind.
Werkzeuge für mehr Gelassenheit
Mehr Ruhe im Umgang mit Marktschwankungen entsteht auch durch klare Strukturen. Ein zentraler Baustein ist die Diversifikation. Breite Streuung kann zwar Schwankungen nicht verhindern, aber sie mildert einzelne Ausschläge und sorgt für mehr Stabilität im Portfolio. Ebenso wichtig ist die angemessene Positionsgröße. Investiert werden sollten nur Beträge, deren Wertschwankungen emotional tragbar sind.
Ein weiterer Stabilitätsanker ist das regelmäßige Rebalancing. Dabei wird das Portfolio in festgelegten Abständen wieder in die ursprünglich definierte Zielstruktur zurückgeführt. Hilfreich kann auch ein Anlagetagebuch sein. Vor jedem Kauf oder Verkauf werden die Beweggründe, der geplante Zeithorizont und die erwartete Schwankungsbreite festgehalten. Im Rückblick lässt sich so überprüfen, ob eine Entscheidung auf einer klaren Strategie beruhte – oder ob Emotionen den Ausschlag gegeben haben.
Umgang mit Fear of missing out
Die Sorge, eine Chance zu verpassen, ist gleichfalls ein mächtiger emotionaler Treiber. Das Fear-of-missing-out-Phänomen (FOMO) tritt speziell bei kräftig anziehenden Kursen oder gehypten Aktien auf. FOMO zeigt sich häufig in übereilten Käufen während Kursanstiegen, bei denen eine fundierte Analyse von Unternehmenskennzahlen und Charts ausbleibt. „Das Gefühl, unbedingt ‚dabei sein‘ zu müssen, wenn bestimmte Werte stark im Kurs steigen, kann dazu führen, dass Investoren ihre eigene Anlagestrategie zugunsten kurzfristiger Trends vernachlässigen“, warnt Tradingexperte Lüddemann. „Wer diese Verhaltensweisen bei sich beobachtet, sollte seine Entscheidungen unbedingt kritisch hinterfragen.“
Helfen können klare Gegenstrategien
Eigene, verbindliche Spielregeln sind demnach unabdingbar. Anlegerinnen und Anleger sollten im Voraus definieren, unter welchen Bedingungen sie investieren – unabhängig von der aktuellen Marktstimmung oder der Euphorie anderer. Wenn der Impuls dennoch sehr stark ist, kann auch ein kleiner Testkauf sinnvoll sein. Eine bewusst gering gehaltene Position ermöglicht es, am Markt teilzunehmen, ohne die Gesamtstrategie aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Ebenso hilfreich ist der bewusste Abgleich mit dem eigenen Anlageplan. Bevor eine neue Idee umgesetzt wird, lohnt sich die ehrliche Frage: Ist diese Investition tatsächlich besser als die bereits sorgfältig ausgewählte Geldanlage? Oder ist es lediglich die momentane Begeisterung? Nicht selten erweist sich nicht die schnelle Reaktion, sondern die konsequente Disziplin als renditestärkste Entscheidung.
Verlustangst und FOMO konstruktiv nutzen
Angst ist zunächst ein Schutzmechanismus. Sie signalisiert Gefahr und mahnt zur Vorsicht. Wenn Verlustangst bewusst in Regeln und Strukturen übersetzt wird, kann sie zu einem stabilisierenden Faktor im Anlageprozess werden. Ein wichtiger Schritt besteht darin, vorab klare Stoppregeln zu definieren, die zur eigenen finanziellen und emotionalen Tragfähigkeit passen.
Auch FOMO lässt sich umlenken. Statt den Blick auf kurzfristige Kursbewegungen zu richten, kann der Fokus bewusst auf den eigenen Fortschritt verschoben werden. Viele erfolgreiche Investoren messen ihren Erfolg nicht am Tageskurs, sondern daran, wie konsequent sie ihrem langfristigen Ziel näherkommen.
Hinweis: Die Geldanlage in Wertpapiere ist mit produktspezifischen Risiken verbunden.