Makler-Deutsch

Glücksgriff oder Bruchbude? Objektbeschreibungen verstehen

Liebhaberobjekt, familienfreundliche Umgebung oder außergewöhnliche Architektur – gut klingende Floskeln beschönigen oft den tatsächlichen Objektzustand. Wie man Immobilienanzeigen richtig deutet:

Ein Hauskauf ist eine Entscheidung, die wohl überlegt sein soll. Es ist mehr als ärgerlich, wenn sich erst nach dem Kauf herausstellt, dass das vermeintliche Traumobjekt eher einer Bruchbude gleicht. Glücklicherweise sind Makler generell dazu verpflichtet, dem potenziellen Käufer die Dinge mitzuteilen, die für die Kaufentscheidung von Bedeutung sein könnten. „Bekannte Mängel dürfen unter keinen Umständen verschwiegen oder überdeckt werden“, erklärt Julia Wagner vom Eigentümerverband Haus und Grund in Berlin. Wenn es Ärger gibt, ist allerdings der Kunde bzw. der Käufer in der Beweispflicht: „Er muss beweisen, dass der Makler gegen seine Pflichten aus dem Vertrag verstoßen hat“, sagt Fachanwalt Kai-Peter Breiholdt vom Deutschen Anwaltverein (DAV). Gewinnt der Kunde den Rechtsstreit, verliert der Makler seine Provision und muss gegebenenfalls Schadenersatz zahlen.

Formulierungen richtig deuten

Ob Eigenheim, Eigentumswohnung oder eine Mietwohnung – ein „Fehlgriff“ kann ärgerlich und kostspielig sein. Um nicht die Katze im Sack zu kaufen, lohnt es, sich „Maklerdeutsch“ anzueignen. Denn oftmals verbergen  beschönigende Formulierungen den wahren Zustand von Wohnobjekten. Diese Floskeln verwenden Makler häufig:

  • Wohnung in zentraler / verkehrsgünstiger / gefragter Lage: Kann ein schöner Stadtteil sein – oder das Objekt liegt mitten in einer Partymeile oder an einer stark befahrenen Straße. Verkehrsgünstig ist es auch direkt neben der S-Bahn, neben dem Flughafen oder an der lautesten Kreuzung der Stadt.
  • Gut erhalten / charmanter Altbau: Hier wurde lange nicht modernisiert!
  • Familienfreundliche Wohnlage: Kindergarten, Schule oder Kita sind sehr nah, vielleicht geht das Schlafzimmerfenster direkt zum Schulhof raus. Oftmals eine Formulierung für laute Gegenden.
  • Unberührte Natur / Wohnen im Grünen: Kaum öffentlicher Nahverkehr, schlechte Infrastruktur, Supermärkte, Ärzte und Schulen sind nur mit dem Auto erreichbar. Wer das Landleben liebt, kann hier trotzdem glücklich werden.

  • Individueller Grundriss / außergewöhnliche Architektur: Hier ist bei der Planung etwas schief gelaufen. Schräge Wände, wenig Stellfläche, verwinkelte Räume – das muss man wirklich mögen.

  • Liebhaberobjekt / Objekt mit Potenzial / für Handwerker: Hier wird eine „Bruchbude“ verkauft, die man dringend sanieren muss. Wer Geld, Zeit und Nerven für eine Sanierung hat und sich austoben möchte, kann hier vielleicht ein Schnäppchen machen. Alle anderen lassen lieber die Finger davon.
  • Seriöses Umfeld: Immobilie inmitten eines Geschäftsviertels, in dem tagsüber die Parkplätze knapp sind und in dem abends nichts los ist.
  • Puristisch / Neuinterpretation: Viel Glas und Stahl. Das heißt auch: wenig Gemütlichkeit, im Sommer sehr warm. Wenn keine Klimaanlage vorhanden ist oder zusätzlich die Formulierung „lichtdurchflutet“ verwendet wird, ist tropische Hitze vorprogrammiert.
  • Mit allem, was das Herz begehrt: überteuerte Einbauten oder Einbauküchen, die nicht jedermanns Geschmack und häufig überhaupt nicht zweckmäßig sind.
  • Aufstrebende Viertel / Lage mit Potenzial: Hier tut sich noch einiges. Baustellen in den nächsten Jahren inklusive. Unbedingt in den Bebauungsplan der Gegend gucken!

Den Markt analysieren

Immer sollten Kauf- oder Mietinteressenten mit einem Vergleich prüfen, ob der Preis realistisch ist. So geht’s: Ähnliche Immobilien in der gleichen Lage recherchieren, Marktanalysen lesen, Bodenrichtwerte beziehungsweise Quadratmeterpreise vergleichen und im Zweifel einen unabhängigen Makler oder Gutachter beauftragen, den Wert eines Objekts einzuschätzen. Diese Zeit und eventuelle 300 bis 400 Euro für die Expertise eines Experten sind gut investiert, um spätere Ärgernisse zu vermeiden, die dann vielleicht richtig wehtun.

Autor: ING