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Weltweiter Mobilfunk-Vergleich

Deutschland hinkt beim Mobilfunk hinterher

Die Lizenzen für den neuen Mobilfunkstandard 5G sind versteigert. Der Ausbau des superschnellen Netzes beginnt nur langsam. Deutschland ist bei der Qualität der digitalen Infrastruktur für das mobile Telefonieren abgeschlagen.

Eigentlich müsste die Mobilfunkversorgung in Deutschland flächendeckend ziemlich gut sein. Denn bei der Versteigerung der Frequenzen im Jahr 2015 an Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica machte die Bundesnetzagentur verbindliche Vorgaben: Seit dem 1. Januar 2020 müssen die Mobilfunkanbieter 98% aller Haushalte bundesweit, 97% der Haushalte je Bundesland sowie 100% der Hauptverkehrswege wie Autobahnen und Zugstrecken mit schnellem mobilen Breitband der vierten Generation (4G oder auch LTE genannt) versorgen. Höhere Werte aus Stadtstaaten können also angerechnet werden, um Versäumnisse aus Flächenstaaten auszugleichen und insgesamt auf den 98%-Wert zu kommen.

Als Downloadgeschwindigkeit sind seit Anfang dieses Jahres mindestens 50 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) vorgeschrieben. Bis Ende 2022 erhöht sich der Wert auf mindestens 100 Mbit. Dabei wären technisch wesentlich höhere Datenmengen möglich. Denn bereits der Mobilfunkstandard der dritten Generation (3G – UMTS) konnte bis zu 7,2 Mbit/s übertragen. Im schnellsten LTE-Netz (4G) sind es bis zu 500 Mbit/s. Beim neuen Standard 5G sollen es bis zu 10 Gbit/s werden.

Bis Ende 2021 sollen 99% der Haushalte LTE empfangen können

Im Herbst 2019 schlossen Bund und die Unternehmen Deutsche Telekom, Vodafone, Telefónica und 1&1 Drillisch – alle ersteigerten Frequenzen für den Aufbau des neuesten Mobilfunknetzes 5G – zudem eine neue Vereinbarung, nach der bis Ende 2021 in jedem Bundesland 99% der Haushalte mit LTE versorgt werden müssen. Umgerechnet sind dies mehr als 90% der Fläche.

Mobilfunkversorgung immer noch mit großen Lücken

Soweit die Theorie. Denn die Realität sieht anders aus. Anfang des Jahres veröffentlichte die Bundesnetzagentur die aktuellen Angaben der Mobilfunkanbieter zu ihrer LTE-Abdeckung. Dabei wurden weiterhin große Versorgungslücken offenbar. Zwar erfüllten Deutsche Telekom (98,1%) und Vodafone (98,6%) die bundesweite Abdeckung von 98%, Telefónica hingegen kam nur auf 84,3%. Bei den einzelnen Bundesländern konnte nur Vodafone alle Auflagen erfüllen. Die Telekom schwächelte in zwei Bundesländern. Telefónica konnte nur in den drei Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Berlin das 97%-Ziel erreichen oder übertreffen.

Auch bei der vereinbarten Abdeckung der Verkehrswege gibt es große Lücken. Keiner der Anbieter konnte bislang die vollständige Abdeckung realisieren. Hier liegt die Telekom mit Werten um die 97% vor Vodafone (knapp 96%) und Telefónica (knapp 78% der Bundesautobahnen und 80% des Schienennetzes). Das sind alles Angaben der Anbieter. Die Bundesnetzagentur kündigte umgehend an, mit eigenen Messungen die Werte überprüfen zu wollen.

Zeitliche Verfügbarkeit zwischen 72% und 86%

Zudem ist eine hohe Netzabdeckung nicht alles. Denn was nützt eine theoretische Verfügbarkeit in 98% aller Haushalte, wenn diese Abdeckung nicht rund um die Uhr zur Verfügung gestellt werden kann? Wie groß die Unterschiede dabei sein können, zeigen regelmäßig die Untersuchungen des Unternehmens Opensignal. Es analysiert Daten, die mittels einer App von Mobilfunknutzern weltweit gesammelt werden. Demnach lag Deutschland laut der 2019er-Auswertung weltweit auf Platz 54 mit einer zeitlichen Verfügbarkeit des LTE-Netzes von 76,9%. Norwegen als bestes europäisches Land kommt hingegen auf 95,5%. Selbst Länder wie Serbien, Kasachstan, Bulgarien oder Rumänien liegen vor Deutschland. Weltweit an der Spitze liegt Südkorea mit 97,5%.

Deutschland bei mobiler Downloadgeschwindigkeit weltweit auf Platz 24

Auch bei der verfügbaren Download-Geschwindigkeit gibt es große Abstände zwischen den von der Bundesnetzagentur geforderten 50 Mbit/s und den Werten in der Praxis. Laut Opensignal kam die Bundesrepublik mit einem Wert von durchschnittlich 22,6 Mbit/s weltweit auf Platz 24. In Norwegen können die Nutzer mit 48 Mbit/s mehr als doppelt so schnell surfen. Allein Südkorea liegt mit 52,4 Mbit/s über der 50-Mbit/s-Schwelle.

Deutsche Nutzer meiden LTE

Die genannten Zahlen machen deutlich, dass Deutschland bei der Mobilfunkversorgung deutliches Entwicklungspotenzial hat. Vor allem für die Wirtschaft kann der neue Standard 5G erhebliche Vorteile bringen. Aufgrund sehr geringer Latenzzeiten ist dank 5G praktisch eine Übertragung von Daten nahezu in Echtzeit möglich. Das ist eine Voraussetzung, um beispielsweise autonomes Fahren sicher ermöglichen zu können. Schließlich sollte ein Auto nicht erst Sekunden nach einem per Mobilfunk übertragenen roten Ampelsignal zum Stehen kommen. Dass Deutschland im internationalen Vergleich nicht auf den vorderen Plätzen landet, hat aber auch mit den Nutzern selbst zu tun. Laut eines Berichts von Opensignal unter Berufung auf Daten der Bundesnetzagentur war Ende 2018 nur knapp die Hälfte der mehr als 100 Millionen SIM-Cards in Deutschland LTE-fähig.

Autor: ING